Medienberichterstattung & Urteilsfindung
Das südafrikanische Rechtssystem dürfte sich von dem US-amerikanischen deutlich unterscheiden, so daß ein Vergleich Pistorius mit O.J. Simpson falsch sein dürfte. Die Bekanntheit der Personen ist unterschiedlich, zudem ist Pistorius kein Schwarzer, der beschuldigt wird, für den Tod einer weißen Frau verantwortlich zu sein! Zudem war der Prozeß gegen O.J. Simpson (meiner Meinung nach) ein absoluter Ausnahmefall. Zehn Jahre später wäre er lebenslänglich abgewandert.
Zitat
Original geschrieben von frank_aus_wedau
Ein Problem auch (...) potenziell sogar für den größten Teil demokratisch und rechtsstaatlich organisierter Systeme: (...) Die sich aus der Berichterstattung ergebenden "Forderungen" des Volkes üben unterschwellig einen nicht unerheblichen Druck auf Gerichte aus, (...)
Ein Dilemma, das nur zu lösen wäre, würde man das gesamte Gericht entsprechend einer Papstwahl in Konklave halten. Hier dürfte aber jedem einleuchten, dass das nicht möglich ist (...)
Im US-amerikanischen Rechtssystem reduziert sich das Problem auf die Auswahl der Geschworenen und auf die Reduktion von Medien-Einflüssen auf die Urteilskraft der Geschworenen. Bei Strafprozessen ist es in den Bundesstaaten möglich, die 12 Geschworenen (nebst Ersatzleuten) abzuschotten.
Das nennt sich "sequestered jury" und kann vom Richter angeordnet werden, wenn das Medieninteresse außerordentlich war. Die ausgesuchten Geschworenen wohnen im Hotel (samt Wachpersonal). Sie werden vom Richter belehrt, keine Zeitung zu lesen, keine TV-Berichte anzuschauen. Sie werden belehrt, nur die dargebrachten Fakten beider Parteien zu gewichten, wenn es um den Schuldspruch geht. Bei Mordprozessen müssen die 12 Geschworenen in allen Bundesstaaten einstimmig urteilen. Enthält sich jemand, wird solange beraten, bis es eine einstimmige Entscheidung gibt.
Die "sequestration" bleibt also so lange bestehen, wie der Richter den Fortgang der Beratungen anordnet. Einigen sich die Jury-Mitglieder nicht, nennt man das "hung jury": Der Strafprozeß ist geplatzt und muß neu angesetzt werden.
Inclusive neuer Juryauswahl, neuer Abschottung, neuer Kosten ...
Die gesamten Regularien differieren von Einzelstaat zu Einzelstaat. Sie beruhen aber allesamt auf dem historischen Prinzip, den Angeklagten vor "Seinesgleichen" (a jury of peers ) mit den gesammelten Beweise zu konfrontieren und im Parteienstreit Staatsanwalt/ Verteidiger die Beweise möglichst objektiv und unvoreingenommen gewichten zu lassen.
Der Grundgedanke eines fairen Prozesses führt z.B. zu zahlreichen Ausschlußgründen. Geschworene können vom Richter ausgeschlossen werden, wenn sie zuviele Medienberichte des Falles rezipiert haben und wenn sie angeben, sie hätten sich vor der Einbestellung als Geschworener selbstständig über den Fall informiert.
Wenn ein Geschworener während der Verhandlung z.B. eigene Nachforschungen anstellt, muß der Prozeß neu aufgerollt werden (wenn es bekannt wird). Bestimmte Kontakte sind einer separierten Jury untersagt.
Es gibt also durchaus Bemühungen im anglo-amerikanischen Rechtssystem, das Grundrecht auf einen fairen Prozeß zu wahren. Es gibt dazu auch unzählige Urteile des U.S. Supreme Court in Washington, D.C.
So long,
skater.