[Berlin] Religions-/Ethikunterricht

  • Zitat

    Original geschrieben von laudanum
    Nein, mal im Ernst, es gibt einfach zu große Differenzen, hier findest du bezüglich der Probleme im Miteinander einen sehr schön geschriebenen Artikel von Dr. Bassam Tibi:


    http://www.efg-hohenstaufenstr…g_sind_die_belogenen.html


    Hm, aber da steht doch auch:


    "Ein aufrichtiger Dialog hat dagegen einige Mindestkriterien zur Voraussetzung: Beide Dialogpartner müssen sich vorurteilsfreies theologisches und historisches Wissen über den anderen aneignen. Im Dialog geht es um "conflict resolution" als friedliche Konfliktbewältigung. Also: Weder brauchen wir interreligiöse Schmusestunden noch einen Austausch von Beweihräucherungen oder verlogenen Zusicherungen des guten Willens. Ehrlichkeit gibt es nur, wenn man ohne Selbstzensur, ohne Tabus und ohne Duckmäuserei miteinander reden kann. Die Geschäftsgrundlage muss die Akzeptanz des religiösen Pluralismus sein, also die Anerkennung der Gleichberechtigung der Religionen. Weder Beschuldigungen noch Selbstbezichtigungen helfen dabei weiter.


    Scheut man die Kontroverse nicht, wird man bald auch auf Verbindendes stoßen. Die Geschichte der Mittelmeerregion zeigt, dass sich die islamische und die westliche Zivilisation über Jahrhunderte hinweg gegenseitig befruchtet haben - jenseits kriegerischer Auseinandersetzungen im Zeichen von Kreuzzug und Dschihad. Zwischen dem 9. und dem 12. Jahrhundert fand eine Hellenisierung des Islam statt. Von ihr bis zur europäischen Renaissance führt eine direkte Linie. Die Muslime retteten das antike griechische Erbe vor dem Vergessen und bereicherten es. Darauf konnte die Renaissance aufbauen. So leistete der Islam einen wichtigen Beitrag zur Entstehung des modernen Europa. Diese positiven Impulse sollte ein Dialog in Erinnerung rufen. Geschichte kann damit zur Quelle einer künftigen gemeinsamen Werteorientierung werden."


    Zitat

    Dann lieber eine Trennung in muslimischen und christlichen Religionsunterricht an deutschen Schulen!

    Nö, ich fände noch immer Transparenz durch gemeinsamen Unterricht am besten. Es geht hier ja nicht um Gottesdienst, sondern "nur" um Schulunterricht.
    Je mehr die Schüler voneinander wissen, desto weniger Angst werden sie vor dem "Fremden" haben.

  • Zitat

    Original geschrieben von Elke2002
    Hm, aber da steht doch auch:


    "Beide Dialogpartner müssen sich vorurteilsfreies theologisches und historisches Wissen über den anderen aneignen.


    Tun sie doch, im Religionsunterricht! ;)

    Ich habe dem Teufel meine Seele verkauft und jetzt sind wir beide ein wenig aufgeregt...!

  • Zitat

    Original geschrieben von laudanum
    Tun sie doch, im Religionsunterricht! ;)

    ja, aber was spricht gegen einen *gemeinsamen* Religionsunterricht aller Konfessionen (inkl. Atheisten [small][im Unterschied zu Agnostikern][/small])?


    Da kann sich doch dann viel unmittelbarer und gewinnbringender ausgetauscht werden. Im getrennten Reli-Unterricht kocht jeder sein eigenen Süppchen, was wieder Unsicherheiten und Vorurteile schürt.

  • Zitat

    Original geschrieben von Elke2002
    ja, aber was spricht gegen einen *gemeinsamen* Religionsunterricht aller Konfessionen (inkl. Atheisten [small][im Unterschied zu Agnostikern][/small])?


    Ganz einfach, die Praxis! An vielen Schulen in NRW ist dieser gemeinsame Religionsunterricht bereits gang und gäbe, viel rum kommt dabei allerdings nicht! Ganz im Gegenteil.


    Meine bessere Hälfte klagt mir ständig ihr Leid über ihre Ethik-/gemischte Religionsstunden!


    Der Islam ist alles andere als eine tolerante Religion. Annäherung hieße für uns derzeit wohl Anpassung.


    In der Theorie ist immer alles so toll, leider auch nur dort.......

    Ich habe dem Teufel meine Seele verkauft und jetzt sind wir beide ein wenig aufgeregt...!

  • Zitat

    Original geschrieben von laudanum
    An vielen Schulen in NRW ist dieser gemeinsame Religionsunterricht bereits gang und gäbe, (..)


    Wo denn bitte? :confused: Da hätte zumindest die kath. Kirche doch sehr etwas dagegen ;).


    In NRW gibt es das Fach "Praktische Philosophie" (PPL), das ist und soll auch nicht gemeinsamer Religionsunterricht sein. Inhalte habe ich weiter vorn im Thread bereits verlinkt.

    Zitat

    viel rum kommt dabei allerdings nicht!


    Kann ich nicht bestätigen. Wenn, liegt das aber in der Realität an folgenden Gründen:


    - Das Fach stellt das "Auffanglager" für alle kath./ev. Schüler dar, die keine Lust mehr auf Religion haben oder die teils sogar von Lehrern wegen üblem Verhalten oder schwacher Leistung "rausempfohlen" werden.


    - Schüler, die aus kath./ev. Religionsunterricht hinaus wechseln, dürfen das jederzeit. So hat man in PPL ständig wechselnde/wachsende Schüerzahlen während eines Halbjahres und keine stabile Gemeinschaft. So ein Kurs fängt z.B. mit 28 Schülern an und wächst dann. Bis man zu Beginn des Unterrichts dann jedes Mal erst mal schauen muss, dass die organisatorischen Voraussetzungen überhaupt gewährleistet sind, z.B. genügend großer Raum, geügend Stühle vorhanden sind. Das entwertet merklich den Wert des Unterrichts für Schüler.


    - Nicht kath./ev. Schüler erfahren eine Ungerechtikeit gegenüber kath./ev. Schülern, die eine Wechselmöglichkeit haben. So etwas gibt es nicht bei für alle obligatorischen Fächern.


    Diese Gründe kann ich für eine Reihe von Schulen bestätigen.

    Mit Grüßen ...

  • Zitat

    Original geschrieben von rajenske
    Wo denn bitte? :confused: Da hätte zumindest die kath. Kirche doch sehr etwas dagegen ;).


    An Hauptschulen in der Praxis: ja, dies heißt "Konfessionsübergreifender Religionsunterricht", offiziell angedacht: nein, da Religionsunterricht konfessionell sein muss (staatliche und kirchliche Rechtsgrundlagen für den Religionsunterricht, §31 ABs 1, Schulordnungsgesetz), sagte sie mir gerade.
    Allerdings darf die Religionskraft über die Zulassung anders konfessioneller Schüler entscheiden.
    Die Erteilung einer bloß referierenden Religionskunde oder eines sonst wie gestalteten interkonfessionellen RU widerspräche der Verfassung!

    Ich habe dem Teufel meine Seele verkauft und jetzt sind wir beide ein wenig aufgeregt...!

  • Zitat

    Original geschrieben von laudanum
    An Hauptschulen in der Praxis: ja, dies heißt "Konfessionsübergreifender Religionsunterricht",


    Das ist natürlich ohne jegliche rechtliche Grundlage (wie du selbst sagst) und wird evtl. an Hauptschulen toleriert mangels besserer Möglichkeiten, z.B. mangels Religionslehrer/innen (?). Es ist kein Konzept in NRW.

    Zitat

    offiziell angedacht: nein, da Religionsunterricht konfessionell sein muss (staatliche und kirchliche Rechtsgrundlagen für den Religionsunterricht, §31 ABs 1, Schulordnungsgesetz), sagte sie mir gerade.


    Eben auch daher (und aus Erfahrungen aus Gym, GE, RS) mein Einwand oben. Übrigens gibt es AFAIK kein "Schulordnungsgesetz" in NRW mehr, sondern das "Schulgesetz":


    "§31 (1) Der Religionsunterricht ist ordentliches Lehrfach an allen Schulen mit
    Ausnahme der Weltanschauungsschulen (bekenntnisfreien Schulen). Er
    wird nach Bekenntnissen getrennt in Übereinstimmung mit den Lehren und
    Grundsätzen der betreffenden Kirche oder Religionsgemeinschaft erteilt."


    Das steht das Vorgehen der genannten Schule rechtlich aber sehr wackelig ... ;)


    Hat die Schule denn das Fach "Praktische Philosophie" nicht eingeführt? Steht direkt danach in §32 (direkt vor §33 Sexualerziehung :D)

    Mit Grüßen ...

  • Guten Abend & vielen Dank für die anregenden Beiträge.


    Im Folgenden meine Beweggründe der Ablehnung von "Pro-Reli".



    Die Einführung des Ethikunterrichts wurde hier in Berlin wegen des Fememordes ("Ehrenmordes") zum Nachteil eines türkischen Mädels, begangen durch ihren Bruder, beschlossen bzw. aus der damit einhergehenden Erkenntnis.
    Damit wird klar, daß es überhaupt nicht um Pro-Religion oder Kontra-Religion geht sondern wie schon angesprochen um das bekannte Multi-Kulti-Problem in Berlin und selbstverständlich auch um den Werteverfall beim "ordentlichen Deutschen".


    Inhalt der Volksentscheidung war (für mich jedenfalls): wer vermittelt diese Werte optimal. Meine erste Überlegung war: wenn in Ethik keine Religion unterrichtet wird, ist dort mehr Zeit fürs Wesentliche. Diese Idee verwarf ich aber schnell, denn es kann ja sein, daß im Religionsunterricht eine wie auch immer geartete kompensierende Komponente enthalten ist. Problem hierbei ist: ich hatte nie Religionsunterricht, ich war noch nie in der Kirche geschweige denn ich kenne die Hintergründe von Feiertagen oder habe die Bibel gelesen und, deshalb habe ich das Thema überhaupt erst eröffnet: ich kenne niemanden, der gläubig ist.


    Zitat

    Original geschrieben von Jochen
    Es ist klar, daß Atheisten am liebsten rein überhaupt gar nichts mit Religion zu tun hätten und sehr viele von ihnen - man sieht es auch an diesem Thread, der wieder einmal sehr, sehr einseitig ist und sehr, sehr engstirnige Meinungen wiederspiegelt - Religion generell als Gift, Gefahr, auf jeden Fall aber negativ sehen.


    Tja was heißt, nichts mit Religion zu tun zu haben. Engstirnig zu sein...


    Ehrlich gesagt finde ich es ziemlich heftig von einem Außenstehenden (dem "Nichtgläubigen") zu verlangen, sich in "irgendwas" einzuarbeiten, die Bibel zu lesen um mitreden zu können. Für viele mag dieses Wissen notwendig sein, für viele andere aber nicht. Als Kind hatte ich ein Standardargument ggü. meinen Eltern: alle anderen Kinder in der Klasse dürfen dieses & besitzen jenes. Die routinierte Antwort auf meine Forderungen war immer die gleiche: wenn alle Kinder vom/aus Balkon/Brücke/Fenster springen, willst Du dann auch springen...Ich sehe keinen Zusammenhang zwischen Werten und Religion. Erst recht keinen mit Geschichte (je älter, desto glaubwürdiger), Anzahl der Gläubigen etc. Kann ich auch gar nicht, da ich keinen Plan von Religionen habe. So gesehen war diese Volksentscheidung sinnlos und hat das Ansehen, zumindest von den Pro-Reli nahestehenden Parteien und Religionen, nicht gerade verbessert. Dies vor allem, da sie nicht ansatzweise gezeigt haben das sie verstanden haben, was in uns "Nichtgläubigen" vorgeht, im Gegenteil. Aber zur Wertevermittlung sind sie geeignet, ich glaube nicht....

  • Zitat

    Original geschrieben von StebuEx
    Ehrlich gesagt finde ich es ziemlich heftig von einem Außenstehenden (dem "Nichtgläubigen") zu verlangen, sich in "irgendwas" einzuarbeiten, die Bibel zu lesen um mitreden zu können. Für viele mag dieses Wissen notwendig sein, für viele andere aber nicht.


    Von der Bibel hat hier eigentlich kaum jemand gesprochen, zumindest ich nicht.
    Aber generell ist es umso praktischer, sich über etwas zu unterhalten, je mehr eigene Erfahrung man damit gemacht hat. Das bedeutet noch nicht, daß man selbige von jemandem verlangt.


    Zitat

    Ich sehe keinen Zusammenhang zwischen Werten und Religion. Erst recht keinen mit Geschichte (je älter, desto glaubwürdiger), Anzahl der Gläubigen etc. Kann ich auch gar nicht, da ich keinen Plan von Religionen habe.


    Irgendwie lese ich aus Deinem Posting mehr und mehr heraus:


    "Ich habe keine Ahnung von Religion, will sie auch gar nicht haben und daß ich es deshalb nicht nachvollziehen kann, ist völlig ok, also fordert es nicht von mir!"


    Was Du damit aussagen willst oder wo da die Argumentation steckt, ist mir schleierhaft. Du willst nichts mit Religion zu tun haben - bitte, ist Dein gutes Recht und z.B. mir sowas von egal. Aber daraus ein allgemeines "Religionen sind Blödsinn, also lasst uns alle damit in Ruhe!" zu stricken, halte ich für engstirniger, als so manchem Religiösen vorgehalten wird.

    “Das Leben ist wie ein Fahrrad. Man muß sich vorwärts bewegen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren.” Albert Einstein

  • Entschuldige bitte, hatte noch etwas vergessen. Punkt 7 der FAQ von Pro-Reli:



    Das hat mich wirklich umgehauen, die Kinder sollen doch nicht andere mitreißen...


    Zitat

    Original geschrieben von Jochen
    Irgendwie lese ich aus Deinem Posting mehr und mehr heraus:


    "Ich habe keine Ahnung von Religion, will sie auch gar nicht haben und daß ich es deshalb nicht nachvollziehen kann, ist völlig ok, also fordert es nicht von mir!"


    Ganz ehrlich: mich interessiert es schon, aber nicht mit dem Aufwand der dahinter steckt.


    Zitat

    Original geschrieben von Jochen
    Was Du damit aussagen willst oder wo da die Argumentation steckt, ist mir schleierhaft. Du willst nichts mit Religion zu tun haben - bitte, ist Dein gutes Recht und z.B. mir sowas von egal. Aber daraus ein allgemeines "Religionen sind Blödsinn, also lasst uns alle damit in Ruhe!" zu stricken, halte ich für engstirniger, als so manchem Religiösen vorgehalten wird.


    Es geht nicht um gute und schlechte Religion, es geht um die Frage wer Werte vermitteln will und kann und nicht um Sinn oder Unsinn von Religionsunterricht.
    Bspw. hätte man auch Biologie vs. Ethik nehmen können unter dem Gesichtspunkt des "Zusammenlebens". Für Kinder wäre es wahrscheinlich noch einfacher am Sozialverhalten des Affen oder so ähnlich nachzuvollziehen.

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