Zivildienst auf 9 Monate verkürzt - ab 2008 keine Zivistellen mehr

  • Endlich wird mal offen benannt, was uns die letzten 10 Jahre davon abgehalten hat, endlich den Wehrdienst abzuschaffen: die befürchtete Schieflage im Sozialwesen.


    Um es mal mit aller Deutlichkeit zu sagen: für mich ist es ein Armutszeugnis dieser Gesellschaft und der Politik, dass unser Sozialsystem und die soziale Versorgung v.a. alter Menschen anscheinend nur dann aufrecht erhalten werden kann, wenn wir auf einige 10.000 zwangsverpflichtete Drückeberger ("Wehrdienstverweigerer") mit einem Tageslohn von - was? 20, 25 Euro? - zurückgreifen können.


    Das zeigt, welchen Stellenwert hilfebedürftige Menschen in diesem Land haben: im Grunde keinen mehr. Und die Leute, die soviel "Humanismus" aufbringen und in diesen Bereichen Vollzeit arbeiten, werden mit niedrigem Einkommen und nicht gerade dem höchsten Ansehen abgestraft.



    Vielleicht sollten wir auch darüber mal nachdenken. Und wenn jemand die Idee hat, das ein jeder von uns sich 1 Jahr "kostengünstig" in die Gesellschaft einbringt, können wir das gerne diskutieren - aber dann bitte offen und nicht wie bisher hintenrum; und dann aber für alle (statt einer Stichprobe, die halt die A-Karte gezogen bekommt).



    Im übrigen haben auch Frankreich und Spanien den Umstieg und den Wegfall ihrer Zivis geschafft - aber wir Deutschen müssen ja bei allem das Rad nur für uns neu erfinden.

    Q: I've always tried to teach you two things. First, never let them see you bleed.
    Bond: And the second?
    Q: Always have an escape plan...

  • Zitat

    Original geschrieben von BigBlue007
    Das Folgende ist natürlich eine Milchmädchenrechnung, aber ich sag mal: Unter diesen 4.3 Millionen Arbeitslosen gibt es mit einiger Wahrscheinlichkeit mindestens soviele Sozialschmarotzer, wie es insgesamt ZD-Leistende gibt. Und solche Leute möchten dann bitteschön auch solche Jobs annehmen. Und wenn sie es nicht tun, bekommen sie halt irgendwann vom Staat gar nix mehr außer vielleicht einer Sozialwohnungsmiete (die direkt an den Vermieter überwiesen wird) und Essensgutscheine.


    Du vergisst dabei allerdings, dass die alten Menschen/die Behinderten auch mit diesen Menschen zurecht kommen bzw. diesen sogar vertrauen müssen. Wenn Du da dann jemanden hinschickst, der absolut keinen Bock auf den Job und u.U. auch nicht gerade die allerbesten sozialen Fähigkeiten oder vielleicht Alkoholprobleme, etc hat, ist dies sicher keine gute Lösung.
    Abgesehen davon muss man bei einer solchen Arbeit auch immer bedenken, dass das den Druck auf uns alle erhöht, für weniger Geld zu arbeiten. Aber das ist ein anderes Thema.


    Ich verstehe vielmehr nicht, wieso nicht zumindest das Geld, das der Staat einsparen wird durch die Abschaffung des Zivildienstes (Verwaltung, Schulungen, etc), den sozialen Einrichtungen zur Verfügung gestellt werden kann. Ich habe schon öfter gehört, dass der Zivildienst eigentlich keinen finanziellen Vorteil gegenüber gelernten Kräften (die natürlich effektiver arbeiten) gibt, wenn man die Gesamtkosten berücksichtigt.

  • Also 20-25€ Tagesverdienst als sind schon etwas außerhalb der Reichweite als Zivi.
    Ich habs in der Diakoniestation selber mitbekommen, die Pflegerinnen und Pfleger die verdammt miese Arbeitszeiten haben und eine anstrengende und nervenzehrende Arbeit bekommen einen Lohn knapp über Arbeitslosengeld...

    Paranoia strikes deep
    into your life it will creep
    it starts when your always afraid
    you step out of line, the men come
    and take you away
    (stephen stills/ buffalo springfield "for what its worth" 1966)

  • Hallo,
    ich wurde auch vom Bund 'gezogen' und habe dann verweigert. Hab bis jetzt nur ein Schreiben bekommen, das ich nicht zum Bund gehen muss. Kommt da jetzt noch was von der Zivistelle (so ne Freistellung bis zu einem best. Datum um sich was zu suchen oder ähnliches?!) oder können die einen auch vergessen? :confused:
    Und wenn ich mir einen Studienplatz suche und dann im Semester einen Brief von der Zivistelle erhalte, haben die dann die Möglichkeit mich aus dem Studium zu 'reißen'?



    Ciao...!


    PS.: Ich bin auch für die TOTALE Abschaffung des Zivi-Dienstes und der Bundeswehr. Es gibt genug Leute die den 'Job' als Berufssoldaten machen würden!!!! ;)

  • So, jetzt muss ich mich hier mal ganz stark für den Zivildienst (und den Wehrdienst) aussprechen ;) Einmal aus persönlicher Erfahrung heraus: Da kann ich primär sagen, dass mir der Zivildienst sehr viel gebracht hat. Ich hatte freilich auch eine sehr angenehme Stelle: Ich war auf einer Jugendfarm, das ist im Prinzip einfach ein Angebot an alle Kinder von 6 bis 14 Jahren aus dem Ort, dort ihre Nachmittage (ab 14 Uhr) mit Hüttenbau, Pferde füttern, reiten, basteln usw. zu verbringen. Einmal hatte ich da sehr humane Arbeitszeiten (im Sommer von 10 bis 18, im Winter von 9 bis 17 Uhr), außerdem hat die Arbeit größtenteils wirklich Spaß gemacht (natürlich gab es auch Ausnahmen). Und auf nen Lehrgang musste ich auch nicht ;) Aber vor Allem habe ich in dem Jahr ganz nebenbei einiges über den Umgang mit Kindern wie auch handwerkliches Arbeiten und vieles mehr gelernt und außerdem das Gefühl, eine wirklich sinnvolle Arbeit zu tun. Ganz abgesehen davon wie das gesamtgesellschaftlich aussieht und ob das jetzt eine Benachteiligung oder sonstwas ist: Ich persönlich bin froh, dass ich Zivildienst machen durfte.


    Zitat

    Original geschrieben von BigBlue007
    Das Folgende ist natürlich eine Milchmädchenrechnung, aber ich sag mal: Unter diesen 4.3 Millionen Arbeitslosen gibt es mit einiger Wahrscheinlichkeit mindestens soviele Sozialschmarotzer, wie es insgesamt ZD-Leistende gibt.


    Der Teil, der wirklich für diese Arbeit geeignet wäre, dürfte aber deutlich darunterliegen. Der Vorteil am Zivildienst (wie auch noch mehr am Wehrdienst, aber darauf komme ich später noch) ist doch auch dass dort Menschen aus allen sozialen Schichten dabei sind und dadurch auch Positionen besetzt werden können, die zumindest eine gewisse soziale Kompetenz erfordern. Überspitzt ausgedrückt: Den Alkoholiker der daheim seine Kinder schlägt möchte ich nicht als zwangsweise eingesetzten Betreuer auf einer Jugendfarm oder im Kindergarten sehen.


    Zitat

    Original geschrieben von DUSA-2772
    [...]mit einem Tageslohn von - was? 20, 25 Euro? [...]


    Ich weiß jetzt nicht mehr wieviel ich genau gekriegt hab -- aber für jemanden der gerade von der Schule kommt ist es im Allgemeinen durchaus genug. Obwohl ich als Schüler nebenher gejobbt habe konnte ich mir als Zivi eher mehr leisten. Im Gegensatz zu dem Hungerlohn, den die FSJler bekommen ;)


    Zitat

    Original geschrieben von LikeAVirginHandy
    Ich bin auch für die TOTALE Abschaffung des Zivi-Dienstes und der Bundeswehr. Es gibt genug Leute die den 'Job' als Berufssoldeten machen würden!!!! ;)


    Und was wäre das für eine Armee? Der große Vorteil an der Wehrpflicht ist, dass dort alle sozialen Schichten etc. aufeinandertreffen. Die durchschnittliche Intelligenz liegt in Berufsheeren deutlich unter diesem Niveau. Dadurch dass sich dann eher diejenigen beim Bund wiederfinden würden, die sozial oder familiär weniger stark eingebunden sind, würde die Verknüpfung vom Bund zum "Rest der Menschen" verloren gehen -- Stichwort "Staat im Staate", bei näheren Fragen wendet euch an euren Geschichts- oder Gemeinschaftskundelehrer ;) Außerdem ist es für eine Berufsarmee auch schwieriger, kompetenten Nachwuchs für Führungspositionen zu finden -- soweit ich weiß kommt ein Großteil derer, die eine Offizierslaufbahn einschlagen, erst während dem Grundwehrdienst auf diese Idee. Nebenbei: Ich hab jetzt keine Quellen aber schon mehrfach gehört dass die Berufsarmee in Frankreich im Nachhinein auch nicht mehr als so toll angesehen wird, eben wegen den genannten Problemen.


    Zum Abschluss möchte ich auch noch eine aktuelle Pressemitteilung der Jungen Union Deutschlands zu u.a. diesem Thema zitieren, der ich mich im Großen und Ganzen anschließen kann:

  • Zivildienst im Grundgesetz ist die dort vorgesehene Alternative zum Wehrdienst mit der Waffe.
    Auch Zivildienst fällt unter den Wehrdienst im Sinne des Gesetzes!


    Wenn jetzt aber hier der Ausstieg aus dem bisherigen System vom Bund und ZD propagiert wird, dann geht es immer um beides zusammen. Genauso wie beim ZD ist ja auch beim Bund keine sinnvolle Ausbildung und Verwendung mehr möglich. Man produziert nur noch Sicherungssoldaten als Kanonenfutter für den unwarscheinlichen Fall eines Angriffs auf das eigene Hoheitsgebiet.


    Sinnvoll wäre eigentlich nur eine allg. Dienstpflicht auch für Frauen bei freier Auswahl des Dienstes (mit oder ohne Waffe) Dann aber bitte auch ohne die finanzielle Besserstellung beim Zivildienst, was ja auch schon 1989 gefordert wurde.

  • Hmm. Um mal kurz zu den 9 Monaten zurück zu kommen. Ich mache ab 1.7.2004 Zividienst. Betrifft es mich dann auch oder muss ich noch 10 Monate machen?


    MfG

    Jeder Rechtschreibfehler ist mein Geistiges eigentum und somit nicht zu kritiesieren

  • So, jetzt will ich hier auch meinen Senf dazugeben.
    Mein Zivi liegt noch nicht allzu lange zurück. Juli 2003 war ich fertig. Ich habe in einem städtischen Kindergarten als Hausmeister gerabeitet, wobei ich sagen muss, dass ich es gut erwischt hatte. In meinem Kindergarten habe ich am Anfang nach einem kurzen heftige (für mich siegreichen) Disput der Chefin klar machen können, dass ich nicht der Depp vom Dienst bin und z.B. keinen Mauerdurchbruch mache und dann Stromkabel verlege.
    Ein Zivikollege im anderen städt. Kindergarten hatte es da schon schwerer. Der war klatschnass geschwitzt, wenn er von der Stelle kam.
    Wobei eigentlich immer Sachen von Zivis gemacht werden, die seeeehr fragwürdig sind. Z.B. bei mir:


    Warum darf ich noch als Führerscheinanfänger (während der Probezeit) einen Bus mit 6 Kindern alleine fahren????? Hallo??? Wenn da wa passiert wäre, wäre ich aber übel am A***** gewesen!!!


    Dann noch was, von wegen 20 bis 25 Euro am Tag. Das wäre ja geil! Da wären dann ja bei 31 Tagen im Monat mal mindesten 620 Euro! Pustekuchen!


    Es gibt einen Grundsold, der in der höchsten Stufe (ab dem 7. Monat) bei 8,18 € am Tag liegt. Dazu kommt noch Essengeld, dass es aber bei mir nur für die Wochenenden gab und die Kleiderpauschale von zusammen 1,18 €. Ich bin nie auf mehr als 13 Euro pro Tag gekommen.




    Das Perverse ist doch, dass alle Träger hoffen, weiter billige und willige Deppen zu bekommen. Die Misere steckt doch aber viel tiefer. Warum können wir nicht genügend vernünftig ausgebildetes und bezahltes Personal einstellen? Weil die Kalkulation und Ausrichtung und, am wichtigsten, der Stellenwert der Pflegeversicherung und Pflege selbst extrem schlecht ist. Anstatt die Beiträge zu erhöhen oder Familienangehörige hinzuzuziehen, um anständige Löhne zu zahlen, werden stattdessen billige osteuropäische Kräfte beschäftigt, denen es dann genauso schlecht geht wie den Zivis. Mit dem Unterschied, dass sie teilweise so schlecht deutsch können, dass sie sich kaum wehren können.


    Deshalb: Zivildienst abschaffen! Ein Zwang nur nach dem Geschlecht halte ich für unfair! Wer will, kann ein FSJ machen, ich hätte lieber früher angefangen zu studieren. Jetzt fehlt mir ein komplettes Jahr!
    Außerdem wäre es die längst fällige Gelegenheit, das System zu renovieren.

  • Ok, mit dem Tagessatz hab ich mich wohl sehr grob verschätzt. Aber ich war ja auch nie dabei ("Ausschußware"), und bin in meiner Kalkulation von 21 Arbeitstagen im Monat (und nicht 30 Tagen) ausgegangen. So gesehen bekomme ich von meiner Firma für eine 24-Std.-Dienstreise mehr Geld (nämlich 20E) als ein Staatssklave :eek:


    Mit dem Argument
    "... aber für jemanden der gerade von der Schule kommt ist es im Allgemeinen durchaus genug..."
    können wir demnächst in allen Branchen den Sozialhilfesatz zahlen, von mir aus mit einer Steigerung bloß nach Alter und Berufsjahren: denn für jemand, der gerade erst blablabla ist das durchaus genug ;)
    Wenn schon muss man das vergleichen mit einer "normalen" Arbeitskraft, von mir aus auch mit dem Mindestverdienst eines Ungelernten statt mit dem Durchschnittsverdienst. Alles andere ist Ausbeuerei.
    Und warum bekommt die Industrie eigentlich nicht kostengünstig vom Staat Zwangsarbeiter Dienstleistende mehr gestellt... ;) (Den Vorständen und shareholdern fielen da bestimmt "sinnvolle und vernünftige" Argumente ein :D)



    Dass der IQ einer Berufsarmee im Durchschnitt sinkt mag ja durchaus sein, aber wie jedes Unternehmen müssen sie halt zugucken, dass sie leistungsfähige Mitarbeiter bekommen. Gute Führungskräfte fallen in keiner Firma einfach vom Himmel, vielmehr sieht es eher in den meisten Firmen so aus, dass zwar die beste Fachkraft die Hierarchieleiter hinaufbefördert wird, vom Führen von Mitarbeitern aber erbärmlich wenig versteht. Nur fällt das nicht groß auf, denn es ist in $$$ schwierig nachzuweisen, dass eine gute Führungskraft mehr Profit erwirtschaftet als eine schlechte (viel einfacher ist es jedoch Personalkosten zu berechnen und/oder Stückzahlen je nach Takt und hier Konsequenzen zu ziehen).


    Und dieses "Staat im Staate"-Argument kann ich zwar durchaus nachvollziehen, sehe da auch durchaus Gefahren, allerdings sind diese Bedenken nicht so groß als dass ich eine Berufsarmee ablehnen würde. Schließlich untersteht sie weiterhin dem Verteidigungsminister/-ministerium und wird wie bislang auch durch diesen/s kontrolliert. Möchtegern-Freischärler müssen (wie auch jetzt schon) durch eine kompetente Eignungsdiagnostik aussortiert werden (und da hab ich wenig Bedenken, denn die Eignungsdiagnostik kommt aus dem Militär).

    Q: I've always tried to teach you two things. First, never let them see you bleed.
    Bond: And the second?
    Q: Always have an escape plan...

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