Der Beitrag von Spiegel-TV zeigte an einem - zugegebenermaßen nicht ganz ohne Pathos ausgewählten - Beispiel, in welchem Maße die Gewerkschaften die Bodenhaftung verloren haben.
Ich will gar nicht mal in Abrede stellen, daß eine organisierte Vertretung der Interessen von Arbeitnehmern grundsätzlich eine gute Idee ist. Das Problem ist halt nur, daß diese Gewerkschaften eben kaum noch wirklich die Interessen der Arbeitnehmer vertreten.
In unserem Land wird so wenig gearbeitet wie in kaum einem anderen entwickelten Industrieland. Wir haben mit die kürzesten Arbeitszeiten, die meisten Urlaubs- und Feiertage und leisten uns ein verschwenderisches Sozialsystem. Kurz: Wenn man mal von der aktuellen wirtschaftlichen und finanziellen Schieflage unseres Landes absieht, geht es uns eindeutig zu gut!
Und in einer solchen Situation kommen die Gewerkschaften und fordern, noch dazu im strukturschwachen Osten, die 35h-Woche? Womöglich wird dann in ein paar Monaten noch die nächste Lohnerhöhung eingefordert. Also weniger Arbeit für mehr Geld.
Welches Kraut rauchen diese Leute?!? :eek:
Um es zu wiederholen: Ich bin durchaus der Ansicht, daß es eine Dachorganisation geben muß, die die Interessen der arbeitenden Bevölkerung gegenüber den Interessen des Kapitals vertritt. Und dieser Aufgabe sind die Gewerkschaften in grauer Vorzeit auch mal nachgekommen. Heute jedoch nicht mehr. Heute assoziieren die meisten Leute mit den Gewerkschaften nur noch so Dinge wie Gewerkschaftsbosse, die gleichzeitig in Aufsichtsräten sitzen, riesige Glaspaläste in teuersten Lagen, schwachsinnige Tarifverhandlungen, die IMMER nach demselben unsinnigen Schema ablaufen (Gewerkschaft fordert x Prozent, Arbeitgeber lehnen ab, Streit, Streik, Einigung auf x/2). Usw. usf...
Die Gewerkschaften haben schon vor geraumer Zeit aufgehört, wirklich die Interessen ihrer Mitglieder, geschweige denn unseres Landes insgesamt, zu vertreten. Sie sind eine Tribüne für geltungsgeile Altherren, die in ihrer Schlitzohrigkeit und eben ihrem Geltungsbedürfnis selbst den Übelsten unter den Wirtschaftsbossen in nichts nachstehen (eher im Gegenteil) und deren einziger Antrieb es inzwischen geworden ist, voller Verzweiflung immer wieder die eigene Bedeutung herauszustellen.
Und dieses System muß weg! Ich sage nicht, daß wir nichts und niemanden brauchen, der/die/das die Interessen der Arbeitnehmer dieses Landes vertritt. Ich sage nur, daß die Gewerkschaften in ihrer derzeitigen Form dies nicht tun, daß sie ihren Mitgliedern, allen anderen Arbeitnehmern und dem Land insgesamt einen riesigen Schaden zufügen und daß hier auf jeden Fall irgend was anderes her muß.
Wer das nicht erkennt, wer die Gewerkschaften mit verklärtem Blick auf längst vergangene Zeiten schönreden will, und wer den Untergang des Abendlandes prophezeit, wenn das, was wir heute als "Gewerkschaften" kennen, eines Tages mal nicht mehr ist, der hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Solch ewig Gestrige sind es, die momentan am meisten blockieren.