Zitat
Original geschrieben von frank_aus_wedau
Entsprechendes in der Ukraine, für die ich in der Zeit vor 2005 zeitweise ein Dauervisum hatte. Mein östlichstes Erlebnis war allerdings Kiew, wo mir kurzzeitig sogar eine Wohnung zur Verfügung stand. Der wesentliche Teil meiner Aufenthalte spielte sich allerdings in der westlichen Grenzregion ab.
Auch noch weiter im (Nord-)Osten (aber immer noch Europa) befand ich mich unter Menschen, deren Vorstellungen vom Leben den unsrigen weitgehend entsprachen - von der dortigen "Yuppie-Klasse" mal abgesehen....
Ich denke, dass diese zahlreichen Bekanntschaften zu Menschen, die im Osten Europas lebten (und größtenteils noch leben) einen unvoreingenommenen Umgang mit diesen Ländern ermöglichen.
So etwas hatte ich auf Grund Deiner detailierten Sachkenntnis schon vermutet. Kaum jemand wird wohl die mittlerweile 80 Seiten dieses Threads komplett durchlesen und deshalb bleiben immer jene Merkmale in Erinnerung, die die einzelnen Beiträge kennzeichenen:
In Deinem Fall sind das die Sachlichkeit und das Entlarven propagandistischer Wortwahl (aka 'Neusprech'). Aktuell sind mir da die sogenannten 'OSZE-Beobachter' in Erinnerung, die nun auch in den deutschen Medien korrekt als Militärbeobachter bezeichnet werden. (wie von Dir von Anfang an)
Auf der anderen Seite endlose, undifferenzierte Zitate teils ehemaliger Kalter-Krieg-Propaganda, die, wie hier schon jemand erwähnte, bereits seinerzeit wegen ihrer Plumpheit bei vielen nur Heiterkeit auslöste (gepaart mit der Sprach- und Gedankenlosigkeit der Poster).
Erklärungsversuch:
Ausländerfeindlichkeit ist gerade dort am größten, wo es die wenigsten Ausländer gibt. Ähnlich verhält es sich augenscheinlich auch bei diesem Konflikt. Offensichtlich beziehen einige hier Ihre 'Kenntnis' nur aus Propaganda-Kanälen und haben noch nie Kontakte zu Betroffenen gehabt. Das ist mir umso unverständlicher, da man mittlerweile auf fast jeder größeren Baustelle in DE Ukrainer antreffen kann, die häufig gar nicht so schlecht deutsch sprechen (und russisch natürlich sowieso
)
...soll wohl in anderen Branchen, wie Schlachtereien ähnlich sein.
Damit erklärt sich auch, warum die zeitweise initiierte anti-russische Propaganda einiger deutscher Medien so gnadenlos ins Leere ging. Man könnte sagen, dass wir aus der Geschichte gelernt haben.
BTT:
Hier arbeitende Ukrainer wünschen sich vor allem EU-Mitglieschaft, weil sie hoffen damit gleichberechtigt zu werden. Bei 2 Euro Stundenlohn durchaus verständlich aber illusorisch. Auch in der West-Ukraine träumt man verständlicherweise von 'westlichem Standard' (in materiellem Sinne). Einwände, dass das bereits in anderen 'östlichen' EU-Beitrittsländern nicht geklappt hat, werden mit einem imho seltsamen Patriotismus/Nationalismus pariert: 'Wir sind ein fleißiges Volk'
Zudem leben viele in derart schlechter wirtschaftlicher Lage, dass sie sagen, schlimmer kann's doch gar nicht werden. Zudem wird mit der EU die Hoffnung verknüpft, dass deren Verwaltungssysteme das Ende der Korruption bringen werden. Seltsamerweise hält man aber auch die reichsten Oligarchen für am wenigsten bestechlich. Neben der Berluskoni-artigen Medien-Macht ein wesentlicher Grund für den Sieg des Roschen-Königs.
Im Osten gibt es dagegen wegen traditionsreicher Industrie immer noch zahlreiche Arbeitsplätze mit einigermaßen wirtschaftlicher Sicherheit (zumindest im Vergleich zum Osten). Diese Industrie ist jedoch überwiegend auf den russischen Markt zugeschnitten. Viele habe dort Angst, dass sie mit dem EU-Beitritt das Schicksal der DDR-Großindustrie nach der deutschen Wiedervereinigung ereilt.
Mit den aktuellen Kriegsparteien hat das alles kaum noch etwas zu tun. Die haben sich mittlerweile auf beiden Seiten verselbständigt und dienen vielfach nur noch ihren jeweiligen Geldgebern....
...wobei man eigentlich gar nicht mehr von nur zwei Seiten reden kann. Das ist die plumpe, äußere Kalte-Krieg-Sicht.
Überall findet man Rekrutierungen für den einen oder anderen Oligarchen und hinter den Kulissen werden derzeit Zweckbündnisse geknüpft, die genauso schnell wieder gelöst werden können, wenn es opportun erscheint. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass auch Poroschenko mal zu Januschenko gehörte.
Viele der unterlegenen Präsidentschaftskandidaten werden sich nicht mit dem Wahlergebnis abfinden.
Wenn ich sehe, dass eine Frau Timoschenko gerade versucht eine persönlich Garde mit 8000 Mann aufzubauen, sehe ich dort weit größere Gefahren als durch den Rechten Sektor (bei dem man zumindest weiß, welche Ziele er verfolgt)
Pikante Randnotiz: Frau Timoschenko hat zur Präsidentschaftskandidatur afair ein Einkommen von 2400,- monatlich angegeben. Woher hat sie das Geld für eine solche Klein-Armee?