Betrachtungen zu WAP2.0
Zitat
Original geschrieben von BigBlue007
MMS geht bei keinem Handy über CSD, sondern nur via GPRS.
Falsch!
Ganz im Gegenteil bieten die meisten Handys die Möglichkeit MMS über CSD zu nutzen. Das liegt daran, daß für den MMS-Zugang die WAP-Protokolle verwendet werden. Bei Sony Ericsson und Serie60 läuft das über die üblichen Datenkonten und da stehen dann auch CSD und HSCSD zur Auswahl.
Die Frage ist nur, welche Netzbetreiber das unterstützen. Ich kenne da keine. 
Diese Möglichkeit ist übrigens nicht nur theoretisch, sondern hatte auch ihre realen Vorteile. So konnte ich bereits im Januar MMS mit dem Sharp GX10 und einer Free&Easy Karte versenden und empfangen. GPRS mit F&E kam erst Monate später und zu dem Zeitpunkt konnten noch nicht mal Eplus Vertragskunden MMS nutzen.
der Thread dazu (Nowmms)
Es ist übrigens lustig, festzustellen, daß das Handy klammheimlich eine Nummer anwählt, um eine ankommende MMS herunter zu laden. Wenn man sich vorstellen würde, daß dabei etwas schief läuft und die Verbindung dauerhaft aufrechterhalten würde.
Im GX10 war übrigens auch neben dem Vodafone MMS-Profil mit GPRS auch eins mit CSD gespeichert, das aber nie funktioniert hat. Vielleicht war es für Callya gedacht.
Falls jetzt jemand denken sollte, daß das ganze zu sehr Offtopic ist, so möchte ich darauf verweisen, daß es hier sehr wohl interessante Anknüpfungspunkte gibt. Wir haben jetzt wieder eine Situation, in der der offizielle Versand von MMS bei einigen Netzbetreibern derzeit nicht möglich ist. Diese werden sicherlich bald auf das 6600 reagieren, aber bis dahin bleibt nur die Möglichkeit freie MMS-Dienste zu nutzen. Denn für den Zugriff auf diese braucht man keinen Gateway.
Ich muss mal schauen, ob ich es noch schaffe, vor dem TT-Jahrestreffen einen entsprechenden Server zu installieren, damit wir einiges ausprobieren können. 
zu WAP2.0:
Es sieht ganz so aus, als hätte Nokia den Netzbetreibern mit dem 6600 ein nettes Kuckucksei ins Nest gelegt. 
An der Entwicklung von WAP2.0 war Nokia ja schon lange beteiligt. Leider haben sie sehr lange Zeit keine entsprechenden Geräte auf den Markt gebracht. Die Hersteller wie Sony Ericsson und Panasonic, die den Standard frühzeitig und (zu) strikt umgesetzt haben, wurden im Regen stehen gelassen. Es gab Gerüchte, daß bereits das 7650 mit einem passenden Browser ausgestattet sein sollte. Angeblich wurde dann das Nokia-eigene Entwicklerteam gefeuert und eine Fremdfirma beauftragt. Das Ergebnis ist mickrig. Der Browser im 7650 ist eigentlich eine Schande, da er mit den Potentialen, die in der Hardware stecken, denkbar schlecht umgeht. Der Browser im 3650 kann zwar (X)HTML-Seiten darstellen, stellt sich dabei aber auch nicht besonders gut an und ist immer noch eine lahme Kröte. (Die beiden Handys werden hier trotz ihres leistungsstarken Prozessors und großen Speichers bspw. von einem vergleichsweise alten Trium Eclipse meilenweit deklassiert.)
Wäre das Nokia 7650 mit einem XHTML-tauglichen Browser ausgestattet gewesen, hätte z.B. Vodafone sein Live-Portal von Anfang an in dieser Technik aufbauen können. Dann hätten z.B. Gestaltungselemente wie farbige Schrift vor farbigem Hintergrund zur Verfügung gestanden. Vielleicht wäre uns in Anbetracht dieser Möglichkeiten sogar die schwarz-weiss-rote Monotonie des Vodafone Live Erscheinungsbildes erspart geblieben. (Ich weiss, das ist eine etwas abwegige Hypothese, aber eine "Blame it on Nokia"-Haltung macht manchmal Spaß, vor allem wenn man hier eine indirekte Verantwortung für die Häßlichkeit von Vodafone Live zuordnen kann.
)
Die anderen V-Live Handys können, soweit ich das überblicke, alle echte XHTML-MP Seiten darstellen, aber mit dem 7650 als Live-Gerät hat Vodafone im wahrsten Sinne des Wortes einen Klotz am Bein.
Nach dieser zögerlichen Vorgeschichte (viele XHTML-taugliche Nokia-Modelle waren nur für den amerikanischen Markt vorgesehen, siehe z.B. die amer. Version des 6800) versucht es Nokia nun mit der Brechstange.
Ja, bei WAP2.0 ist der Zugang über TCP/IP und HTTP vorgesehen, aber eben nur als eine Möglichkeit. Aus Kompatibilitätsgründen ist auch weiterhin der Weg über ein WAP-Gateway als andere Möglichkeit vorgesehen. Die meisten Hersteller beschränken sich sogar nur darauf. Nokia geht hier einen anderen Weg und schwenkt praktisch von einem auf den anderen Tag von der einen zu der anderen Möglichkeit um. Es wäre viel vernünftiger gewesen, beide Varianten zum implementieren. Bereits die Sony Modelle Z5 und J5 boten beide Wege. Jetzt sind die Netzbetreiber unter Zugzwang und müssen die Zugänge zu ihren Portalen an das 6600 anpassen. Kein anderer Hersteller ausser Nokia hätte sich soetwas erlauben können.
Noch etwas zu der technischen Seite:
Eigentlich ist es ja kein wirklicher Nachteil, daß das Gateway umgangen werden kann. Dieses ist auch manchmal eine Quelle von Störungen und dafür verantwortlich, daß manche Seiten nur verstümmelt oder gar nicht angezeigt werden können. Bei Tarifen, in denen der WAP-Zugriff deutlich teurer als der "normale" Internetzugriff berechnet wird, kann man auf den Internet-APN ausweichen, ohne daß dieses durch Portsperren unterbunden werden kann. (siehe das Beispiel von O2, ohne Flatrate)
Mit TCP/IP und HTTP setzt man auf bewährte Techniken, so daß mit weniger Störungen zu rechnen ist. Der Nachteil ist, daß die Kompression durch den Gateway entfällt. Beim Aufruf unkompilierter WML-Seiten müssen also mehr Daten übertragen werden, was die Kosten für die Nutzer erhöht. Zudem kann es sein, daß die WAP-spezifischen Protokolle insgesamt effizienter als die klassischen WEB-Protokolle sind. Die WAP-Techniken wurden schließlich nicht ohne Grund entwickelt. Leider war WAP keine wirkliche Erfolgsgeschichte. Ganz im Gegensatz zu i-mode in Japan, das auf konventionelleren Techniken aufbaut. Als KPN/Eplus dann i-mode nach Europa brachten, war es aber hier ein Fremdkörper. Lange Zeit war unklar wie es funktioniert und wie man die Telefone auch ohne Eplus i-mode Server nutzen kann. Mit diesem Beitrag habe ich da etwa für Erhellung gesorgt. Zuvor hatte ich hier vorzeitig enthüllt, daß Eplus neben dem ursprünglichen i-mode Zugang, der von den NEC-Geräte genutzt wird, auch einen herkömmlichen WAP-Gateway basierten Zugang eingerichtet hat, der für Geräte wie das S55 und 3650 bestimmt war.
Lange Zeit war der NEC i-mode Zugang als proprietär verschrieen. Dabei ist er das eigentlich nicht. Es ist TCP/IP und anstelle eines WAP-Gateways kommt ein normaler HTTP-Proxy zum Einsatz. Also letztlich genau so, wie es jetzt beim 6600 läuft. Man könnte also sagen, daß Nokia mit dem 6600 ein i-mode Telefon gebaut hat bzw. daß die NECs ihrer Zeit voraus waren.
Dies heißt übrigens keineswegs, daß man mit dem 6600 Zugang zum offiziellen Eplus i-mode Portal bekommt. Den bekommen nur auserwählte Geräte, wobei die technische Eignung allein keineswegs ausreicht. Entscheidender ist die Erlaubnis von NTT Docomo, an der es meistens hakt. Das 3650 zeigt ja, daß der HTTP-Proxy basierte Zugang keine notwendige Voraussetzung mehr ist.
Es ist ein wenig paradox. Eplus hatte bei i-mode den TCP/IP Zugang und hat dann nachträglich den WAP-Gateway basierten geschaffen, und nun nötigt Nokia den anderen Netzbetreibern auf, ihre WAP-Gateways um HTTP-Proxies zu erweitern. Da kann man schon etwas Ironie drin sehen.
(BTW: Falls Eplus für das 6600 nicht das OK von NTT Docomo bekommt, müssen sie den Aufwand auch für ihren alten WAP-Gateway treiben. Aber normales WAP scheint bei Eplus etwas vernachlässigt zu werden.)
Die Netzbetreiber werden das nicht besonders begeistert sehen. Sie werden schließlich zu Investionen genötigt. Dafür werden sie zum Teil dadurch entschädigt, daß das übertragene und vom Kunden bezahlte Datenvolumen leicht ansteigt. Es kann aber auch sein, daß ihre Proxies doch ein bißchen wie WAP-Gateways arbeiten und WML-Seiten kompilieren. Dazu müsste man natürlich herausfinden, ob das 6600 überhaupt kompilierten Code versteht.
Ein anderer Punkt, der den Betreibern Unbehagen bereiten könnte, ist, daß man die neuen TCP/IP und HTTP Zugänge auch leicht mit einem PC oder Laptop nutzen kann. Damit wird es besonders einfach, alle kostenpflichtigen Inhalte wie Logos oder Klingeltöne dauerhaft abspeichern und weiterzugeben. Zudem läßt sich ein Zugang per Laptop schwer mit einer Flatrate vereinbaren. Es ist eine spannende Frage, wie lange O2 WAP2.0/HTML-Seiten innerhalb der Flatrate halten kann. Die Nutzungsbedingungen sind hier wohl bewußt eng gefasst, damit sie sich den Rückweg offen halten, sollte das Ganze aus dem Ruder laufen.
So, jetzt ist schon wieder so ein langes Posting mitten in der Nacht entstanden.
Ich bin auf Eure Meinungen dazu gespannt. (Und ob sich Teltarif hier wieder so schamlos bedient, wie im Fall der i-mode per Netfront Geschichte. :D)
Noch zwei Links zu WAP2.0-Threads:
ein kurzer
ein ausführlicher
Viele Grüße,
Lanturlu