ruag:
Ich bezweifle, dass du dich ernsthaft mit den kalten Krieg beschäftigt hast. Sonst würdest nicht so etwas wie "Es ist schon eine große Wunde im amerikanischen (oder der gesamten "westlichen" Welt) Sicherheitsgefühl, meines Erachtens noch größer als während des kalten Krieges" schreiben. Das Sicherheitsgefühl war damals nicht höher, ganz im Gegenteil. Und auch die übrigen Vermutungen die du anstellst, passen nicht auf die Fakten:
Zitat
Original geschrieben von ruag
Und genau diese Art von Reaktion (verschärfte Sicherheitskontrollen, Diskussion über Einschränkung persönlicher Freiheit aka Big Brother, andauernde Warnungen der Geheimdienste über kurz bevorstehende Anschläge, vor allem die Unberechenbarkeit des Gegners wann, wo und auf welche Art es zum Anschlag kommt) lässt dem kleinen Bürger, der die Auswirkungen direkt und am eigenen Leib erfährt, die Gefahr präsenter erscheinen als eine mögliche Vernichtung durch den atomaren overkill.
Der feine Unterschied ist die permanente Erinnerung an die mögliche Gefahr dass es jederzeit und überall zu erneuten unberechenbaren Anschlägen kommen kann.
Der Gegner war damals greifbar, bekannt, halbwegs berechenbar und sofort als solcher zu erkennen, ein möglicher "Schläfer" in der direkten Nachbarschaft lässt einen eben unruhiger schlafen als der böse Russe hinter dem eisernen Vorhang.
Noch nie von dem AUsdruck "Red Scare" gehört?
Es gab zu Zeiten des kalten Krieges regelmäßig Drills wie man sich zu verhalten habe bei einem Angriff mit Nuklearwaffen. Lies doch nochmal nach wie die Hysterie zu McCarthy Zeiten um sich geschlagen hat; da wurden auf die vagsten Beschuldigungen oder Vorwürfe hin, dass jemand von der Gesinnung her Kommunist sei, um seine Zukunft gebracht. Selbst vor Hollywood hat es nicht halt gemacht (HUAC schonmal gehört? Die Ausweisung Charly Chaplins bekannt?). Kennst du den Spielfilm Manchurian Candidate (1962), welcher das Konzept des Schläfers behandelte? Domino-Theorie & Vietnam-Krieg noch im Gedächtnis? Khrushchevs "We will bury you" an "den Westen"? Ist dir "Doomsday Clock" ein Begriff, welche symbolisch die verbleibenden Minuten der Meschheit runterzählte? Missile Gap? Mal in die Reden von Nixon gehört/geschaut?
http://www.watergate.info/nixon/60-08-21_communism.shtml
Zitat
The major problem confronting the people of the United States and free peoples everywhere in the last half of the 20th century is the threat to peace and freedom presented by the militant aggressiveness of international communism. A major weakness in this struggle is lack of adequate understanding of the character of the challenge which communism presents.
Oder Reagan:
Zitat
Let’s not delude ourselves, the Soviet Union underlies all the unrest that is going on. If they weren’t engaged in this game of dominoes, there wouldn’t be any hot spots in the world.
Da muß man nicht mal groß suchen, es gibt zahllose solche Zitate, und war auch zu Wahlkampfzeiten immer beliebt, weil die Leute auf so etwas eingestiegen sind. Die Gefahr und die Angst war sehr präsent bei den Menschen, und hat sie wie oben gezeigt auch in ihrem Alltag berührt.
Aber die Tatsache, dass du so denkst, unterstreicht eigentlich nur meine Empfehlung sich mal die Dokumentation "Power of Nightmares" anzuschauen, wo es um genau diese Angst geht.
Printus schreibt:
Zitat
Seit 9/11 hat sich das irgendwie schleichend verändert. Plötzlich sind die Islamisten und der arabische Terror ein allgegenwärtiges Thema, es beeinflußt unsere Politik, unser Sicherheitsgefühl - ich bin erst letzte Woche mit dem Zug von Köln nach Bremen gefahren und fühlte mich nicht unsicher, aber man steigt weniger unbefangen in den Zug als vor dem zum Glück misslungenen Anschlag. Es gibt die Vogelseuche, Rinderwahnsinn, Arbeitslosigkeit, wenig Geld, Gedanken über die Rente, die Gesundheitsreform, allgemein die Zukunft.
Die "Unbefangenheit", die zumindest ich zwischendrin mal empfunden habe, ist einfach weg inzwischen. Und ich glaube daß es vielen so geht, insofern hat der 9.11 sehr viel verändert.
Anschläge auf Züge in Deutschland gab es früher bereits, und auch Terrororganisationen sind in Deutschland nicht unbekannt. Die größten Waffenarsenale werden Meines Wissens übrigens immer wieder bei rechtsradikalen Vereinigungen ausgehoben, die es ja nun auch nicht erst seit gestern gibt. Das Thema Tierseuchen, Rente, Arbitslosigkeit, Gesundheitsreform etc. stammen alle aus den 80ern (!). Der Unterschied ist wohl eher der, dass du mit zunehmenden Alter mehr Interesse an politischen Themen bekommen hast, und diese als (jüngerer) Jugendlicher eher ignoriert hast - das ist in gewissem Maße normal. Du wirst dich vermutlich auch bald über die "schlimme Jugend heutzutage" beschweren...
Ich bezweifle übrigens, dass die Opferzahlen von Terroranschlägen in westlichen Ländern, jemals auch nur annähernd in die Gegend von den Zahlen der Verkehrstoten gelanden werden (in den USA zwischen 40-50.000 jedes Jahr, in Deutschland zwischen 5.000-7.000 jedes Jahr). Und trotzdem schaffen wir es irgendwie mit dieser Gefahr und Angst klarzukommen, ohne dass wir nachts da liegen und darüber grübeln wie die Welt den Bach runtergeht und wie wir das Problem der vielen Verkehrstoten in den Griff bekommen können.