Wer kann mein Arbeitszeugnis bewerten?

  • In einer ähnlichen Situation habe ich dem Ex-Arbeitgeber seinerzeit sinngemäß geschrieben, dass ein - auch formal - gutes Zeugnis für uns beide gut ist, denn mit diesem Zeugnis werde ich mich in den nächsten 40 Jahren womöglich noch oft bewerben. Es ist deswegen auch in seinem Sinne, wenn diverse andere Unternehmen aus seinem Hause ein vorzeigbares Schriftstück sehen und nicht eins, mit dem sich sein Unternehmen blamiert weil es in keiner Weise den gängigen Standards entspricht.


    Freundlich formuliert würde ich es so auch dem AG, um den es hier geht, unterjubeln: dass du dich bzgl. der Regeln für ein Zeugnis informiert hast, dass es da ziemlich genaue Vorschriften gibt und es in eurer beider Interesse ist, mit einem vorzeigbaren Zeugnis zu punkten.


    Und dann fügst du "zur Arbeitserleichterung" deinen Formulierungsvorschlag bei - mit dem Hinweis, dass du darin alle formalen und inhaltlich erforderlichen Angaben berücksichtigt hast.


    Wenn dein Zwischenzeugnis okay ist, nimm' das doch als Vorlage...


    Zu dem Formulierungsvorschlag oben: die Gliederung ist falsch. Nach den Grunddaten Name, Geburtsdatum, Zeit der Beschäftigung, kommt optinal eine kleine, ganz kurze Firmendarstellung, dann die Tätigkeitsbeschreibung des Mitarbeiters und dann die fachliche Beurteilung. Anschließend die "Führung", also das Sozialverhalten. Dann der Schlußsatz mit Bedauern und guten Wünschen.


    "Herr ****, geboren am 16. Juni **** in ****, wohnhaft in **** ****" - "wohnhaft in" bitte streichen! Das kann sich schließlich ändern und hat keine Relevanz bei der Beurteilung deiner beruflichen Qualifikation.


    "Herr **** hatte als Abteilungsleiter die Verantwortung für einen Personalstamm von acht Mitarbeitern" gehört nicht vor die Aufgabenbeschreibung, sondern die Personalangelegenheiten waren Teil deiner Arbeit, das gehört also zur Aufzählung, was du gemacht hast.


    "Unterweisung und Ausbildung der Auszubildenden in der Abteilung" solltest du weglassen. Wer Mitarbeiter führt kann auch Azubis anleiten. Dieses dennoch zu erwähnen entlarvt eigentlich nur, dass du, trotz des Abteilungsleiters, nur in einer kleinen Klitsche der Hanswurst für alles warst.
    Um genau diesen Eindruck zu vermeiden würde ich auch die Aufgabenbeschreibung stringent halten und nicht so, dass man merkt, dass du diverse unterschiedliche Sachen gemacht hast. Sowas gibt es nur da, wo man der Depp vom Dienst ist oder in Firmen, in denen sich hinter den tollen Formulierungen letztlich doch nur banales Gedaddel eines unorganisierten kleinen Geschäfts verbirgt: "Verhandlung mit Lieferanten" liest sich dann nicht mehr wie wirklich wichtige Einkaufsabstimmungen, sondern du könntest auch mit dem Metzger über die 10 belegten Brötchern zur Weihnachtsfeier telefoniert haben....


    "Die von Herrn **** erworbenen und weiterentwickelten Material- und Fachkenntnisse konnte er sowohl in alltäglichen, als auch in speziellen Situationen abrufen und anwenden. Auch seine Führungsqualitäten wurden von ihm gekonnt eingesetzt" ist klar dem Bereich Sozialverhalten zuzuordnen, kommt bei dir aber an der Stelle, wo deine rein fachliche Qualifikation beurteilt werden soll. Allein, dass du da etwas entwickelt hast, passt an diese Stelle.


    Insgesamt stellst du auch die Personalverantwortung zu exponiert heraus. Du willst damit beeindrucken, aber das ist nicht der Sinn des Zeugnisses. Erwähne es, aber das war's.


    Generell sollte das Zeugnis einen eher beschreibend-neutralen Tonfall haben und nicht zwischen den Zeilen durchschaubar entblößen, dass sich jemand toll darstellen will. Daran erkennt man immer sofort selbstgeschriebene Zeugnisse und dass hinter den Floskeln garantiert viel heiße Luft steckt. Wertende Adjektive wie "Eigenständige..." in der Aufgabenbeschreibung z. B. sind extrem verräterisch und zu vermeiden.

    Ich dachte immer es sei technisch unmöglich mit jemandem Sex zu haben, der Dörte heißt...

  • Hm,


    ich habe hier (m)ein Zeugniss eines internationalen Großkonzerns liegen bei dem in der Aufgabenbeschreibung als erstes Wort "Eigenverantwortliche..." steht => soll das heisen die wollen mir damit eine reindrücken?


    Sorry THWS bin heut Abend ziemlich erledigt und auch die nächsten 2 Tage wenig Zeit. Auf die schnelle hier eine Info wie ich das löse:

    Zitat

    Original geschrieben von THWS
    Anlaufstelle für die Mitarbeiter der eigenen Abteilung?


    Fachlich und/oder disziplinarischer Vorgesetzter von x Personen - siehe ggfs. auch http://de.wikipedia.org/wiki/Vorgesetzter

    Dieser Eintrag wurde 624 mal editiert, zum letzten mal um 11:24 Uhr

  • Printus:


    Danke für die Analyse - wenn ich das richtig gelesen habe, bezieht die sich noch auf den ersten Versuch und nicht den zweiten Entwurf, korrekt? Die Dinge die sich hier nicht verändert hatten ("wohnhaft" sowie der Part mit den Azubis) habe ich in meinem Entwurf jetzt mal korrigiert. Wäre super wenn du dir auch die zweite Variante mal anschauen könntest


    polli:


    Ich verlange auch nicht dass das zwingend noch heute oder in den kommenden zwei Tagen sein muss - immerhin kommts hier auf ein paar Tage nicht an. Ich bin dankbar für jeden Tipp den ich hier bekommen kann, daher stelle ich bzgl. der Dauer bis jemand antwortet auch keine Ansprüche.

  • Zitat

    Original geschrieben von polli
    ich habe hier (m)ein Zeugniss eines internationalen Großkonzerns liegen bei dem in der Aufgabenbeschreibung als erstes Wort "Eigenverantwortliche..." steht => soll das heisen die wollen mir damit eine reindrücken?


    Es kommt auf den ganzen Kontext an. Mal etwas plakativ formuliert: wenn da jemand wirklich der einsame Spezialist für etwas ist, ist es auch okay, das so herauszustellen.
    Wenn das Thema ist, die Urlaubstage der Mitarbeiter mit Buntstift in den Wandkalender zu malen und dann steht da "eigenständig", dann ist das eine entlarvende Selbstbeweihräucherung.


    Manchmal passt der Eindruck, der anhand der tollen Formulierung oder der exponierten Darstellung erweckt wird, nicht zum Allerlei der Aufgaben. Manchmal ist auch die Firma zu klein etc. als dass hochtrabende Dinge glaubwürdig wären. Wer z. B. in einer Frittenbude gearbeitet hat und dann "eigenständige Kundenberatung" schreibt, macht sich eher lächerlich - oder hat vergessen zu erwähnen, dass er auch die Mülltonnen eigenständig leeren musste, weil es in einem 3-Mann-Betrieb so weit dann doch nicht her ist mit der Führungsposition...


    Man sollte, unabhängig von konkreten Formulierungen, auch beachten, dass das ganze Schreiben kongruent ist.

    Ich dachte immer es sei technisch unmöglich mit jemandem Sex zu haben, der Dörte heißt...

  • Zitat

    setzten wir Herrn **** in der Folge als Abteilungsleiter am Standort **** ein. Dies brachte neben der Verantwortlichkeit für acht Mitarbeiter auch die Organisation der **** samt **** mit sich. Gekoppelt mit der Tätigkeit als Abteilungsleiter übernahm Herr **** zeitgleich die Zuständigkeit für den Bereich „****“. Als stellvertretender Bereichsleiter „****“ wirkte Herr **** fortan nicht nur in **** aktiv mit,


    Hallo THWS,



    Du hast in der Formulierung (bewusst?) vermieden, einen konkreten Termin für die Ernennung zum AL zu nennen. Gibt es einen Grund dafür? Es liest sich hier ein wenig nach "Wir haben ihn für gut und fleißig befunden, daher haben wir ihm Zug-um-Zug immer mehr Sachen obendraufgepackt."


    Die weiter unten stehende, 10 Punkte umfassende Liste der "wesentlichen" Aufgaben lässt keinen wirklichen Schwerpunkt erkennen - für meinen Geschmack gehört der 1st-Level-Support nur dann dahin, wenn Du den lediglich gesteuert aber nicht selbst operativ ausgeführt hast - und den Ersthelfer würde ich mir an der Stelle tatsächlich auch klemmen. Ich schließe mich hier Printus an, der fehlende Stringenz ansprach (wobei sich das wohl auf eine vorherige Fassung bezog). Wenn diese 10 Punkte lediglich die wesentlichen gewesen sein sollten und es im Umkehrschluss also darüberhinaus noch diverse andere Dinge gab, für die Du zuständig warst, dann kann(!) leicht der Eindruck "Er war zu allem fähig aber für nix so wirklich richtig gut zu gebrauchen" entstehen.


    Persönlich vermisse ich in dieser Zeugnisvorlage die tatsächlichen Verantwortungen, die Deine Position mit sich gebracht hat und an denen Du vermutlich auch gemessen worden bist. Die reine Nennung einer Verantwortung für die Inventur wird wertlos, wenn der Leser nicht weiß, ob Du ein Warenlager im Wert von 5 Mio. € oder lediglich das Büromaterial im Schrank der Assistentin durchzählen lassen hast. Hattest Du Zeichnungsvollmachten, Prokura o. ä.? Welche Entscheidungen konntest Du wirklich eigenverantwortlich treffen und welche musstest Du absegnen lassen?


    In der bisherigen Fassung dieses Entwurfes hätte ich Schwierigkeiten, Dich einzuschätzen, weil ich nicht erkennen kann, wo Deine Kernkompetenz in dem Unternehmen lag. Ja, Du hast vieles gemacht - das erkennt man auf den ersten Blick, ohne das Zeugnis wirklich gelesen zu haben; die Gefahr bei solchen Zeugnissen ist halt, dass man den Arbeitnehmer (ungewollt) zu einem Factotum "degradiert" - sicher gibt es Unternehmen, die solche Multiskiller schätzen, dennoch wissen die dann gerne, wo sie Dich am ehesten einsetzen können.


    Meine Stolpersteine beim Lesen:

    • "welche er im Verkauf gut einzusetzen versteht" - Tempusfehler
    • "Verantwortlichkeit für 8 Mitarbeiter" - zu geschwollen, entweder ganz simpel "mit Personalverantwortung" (inkl. hire and fire) oder keine - dann weglassen oder höchstens "fachlicher Ansprechpartner"
    • Der Abschnitt mit der Blaupause für die anderen Niederlassungen kann kompakter formuliert werden. Nach dem zweiten Satz ist bereits klar, worauf es hinausläuft und ich musste mich zwingen, bis zum Ende des Abschnitts weiterzulesen.
    • "Ohne seine Führungsqualitäten als Abteilungsleiter und seine Teamfähigkeit wären diese Leistungen so nicht möglich gewesen." - Meiner Meinung nach der größte Showstopper. Eine derartige Blöße in Form eines Abhängigkeitsverhältnisses zu Deiner Person wird sich ein Arbeitgeber klugerweise ersparen. Sollte dies tatsächlich in einem Zeugnis eines Bewerbers stehen, würde ich dies an dieser Stelle aussortieren und versuchen, aus den übrigen Unterlagen schlauer zu werden.
    • "denn wir verlieren mit ihm einen wichtigen Mitarbeiter" - ebenfalls zuviel des guten.


    Insgesamt ist der Wille erkennbar, Dich bestmöglich zu verkaufen - mit dem Vorschlag, den Du hier einstellst, tust Du Dir aus meiner Sicht allerdings keinen großen Gefallen.

    Johnny
    just enjoy it! - meet Johnny B. & friends at the DJFactory
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    Ich mag keine Brummschlümpfe...

  • Johnny B.:


    Vielen Dank für den ausführlichen Beitrag. Das Problem an der ganzen Geschichte ist tatsächlich, dass die Vorlage (die "neue" Vorlage) tatsächlich die Basis meines selbst gestrickten Versuchs darstellt (und ja - der Satz mit den Leistungen steht wortwörtlich so drin). Das ist auch der Grund, weshalb ich so extrem enttäuscht bin - allerdings zeigt das auch nochmal ganz deutlich, dass die Entscheidung diese Firma zu verlassen, eindeutig die Richtige war.


    Kurz zu den einzelnen Punkten:


    Ernennung zum AL: War damals ein "fließender" Übergang inkl. Übergabe des Vorgängers. Einen genauen Termin gab es so defacto nicht, es sei denn ich kann mich an sein Ausscheiden zurückerinnern - lässt sich bestimmt machen.


    Die Aufgabenliste habe ich bereits gekürzt - ein paar der dort aufgelisteten Aufgaben ergeben sich durchaus auch aus Schlussfolgerungen des Lebenslaufes. Ansonsten kann man Zusatzinfos später ja auch immer noch beim persönlichen Gespräch vortragen :)


    Tatsächliche Verantwortungen: Personalverantwortung, die Inventurverwantwortung ergibt sich im Umfang aus dem Kontext, wenn man das Unternehmen und die Branche kennt (steht normalerweise drin, wurde aber von mir unkenntlich gemacht). Der Punkt "zählt" also mangels Informationsmaterial das euch zur Verfügung stand, nicht :D Es ging hier um mehrere Millionen € an Warenwert.


    Zeichnungsvollmacht hatte ich offiziell keine (dafür gab es - mit Ausnahme der Prokuristen in der Firma) keine Regelungen. In jeder anderen Firma hätte ich aber zumindest "i.V" geführt - wobei eine gesonderte Erwähnung dafür too much wäre.



    Ich werde mich heute Abend mal nochmal dransetzen und dir (wenn du erlaubst) und Printus (wenn er erlaubt :D ) mal per PN einen Entwurf zukommen lassen. Wenn nicht gewünscht reicht eine kurze Rückinfo per PN aus - ich möchte ungern hier das Topic weiter vollballern.


    Nochmals danke!

  • Hm, hier meine persönliche Meinung = muss so nicht korrekt sein:


    ich würde sagen "i.V." unterschreibt theoretisch jeder = egal ob man beim Postboten die Pakete entgegen nimmt oder z.B. auf Händlerseite den Mobilfunkvertrag unterzeichnet.


    Ich schreibe hier kurz als Antwort zur PN:
    Mich irritiert die Reihenfolge der Absätze 1 und 2 = da wird schon recht detailiert auf deine Entwicklung in der Firma verwiesen und anschließend erst die Firma vorgestellt.


    Irgendwo würde ich was zum von dir verantworteten Umsatzvolumen reinschreiben (Warendisposition - oder wurden auch Preise verhandelt = Einkauf! und somit höherwertiger).


    "optischen Effekt" klingt doof würde ich weg lassen oder nach ner Alternative suchen.


    anstatt "angeeigneten" heist es bei mir gerne "umfassende Produktkenntnisse". Dieser komplette Absatz (bis konnte!) klingt für mich komplett schlecht formuliert.


    Würde mich freuen per PN noch zu erfahren um welchen Arbeitgeber es geht :)

    Dieser Eintrag wurde 624 mal editiert, zum letzten mal um 11:24 Uhr

  • Bzgl. der "i. V." Geschichte gebe ich dir Recht, auch wenn man dein Beispiel vom privaten Handeln mit dem beruflichen Handeln nicht unbedingt gleichsetzen sollte (ansonsten wie gesagt: volle Zustimmung).


    Die Reihenfolge von Absatz 1 und 2 wurde so gewählt, weil zu Beginn des Zeugnisses ja deutlich werden soll, um welche Person es geht und welche Stelle diese Person ausgeübt hat. Da das bei mir zu Beginn "nur" ein normales, kaufmännisches Angestelltenverhältnis war und sich dann langsam weiterentwickelt hat, muss eben diese Weiterentwicklung doch genauso dort erwähnt werden - oder nicht?


    Bzgl. Umsatzvolumen/Einkauf: Lässt sich so nur schwer sagen, da es "rollierendes Geschäft" war und ca. 40% davon individuell auf Kommissionsbasis (also auf meist kurzfristige Bestellung) getätigt wurde. Mit etwas Hirnschmalz könnte ich mit Sicherheit einen Warenwert von ein paar Hundertausend €uro hinklatschen - die Frage ist nur, ob das nötig ist bzw. so viel mehr bringt?


    Beim "optischen Effekt" gebe ich dir Recht...da muss ich nochmal drüber - mir ist bis dato nur nichts "Besseres" eingefallen, da muss ich morgen früh vor der Arbeit nochmal ran :D


    Danke mal bis hierhin! Ich forsche weiter... :D

  • Zitat

    Original geschrieben von polli
    Hm, hier meine persönliche Meinung = muss so nicht korrekt sein:


    ich würde sagen "i.V." unterschreibt theoretisch jeder = egal ob man beim Postboten die Pakete entgegen nimmt oder z.B. auf Händlerseite den Mobilfunkvertrag unterzeichnet.


    Deine Meinung ist in der Tat nicht korrekt:
    Mit i.V. unterschreibt nur jemand mit eigener Handlungsvollmacht, welcher z.B. im Arbeitsvertrag stehen hat, dass er Bestellungen bis 50.000€ selber unterschreiben kann.


    Erfüllungsgehilfen unterschreiben immer i.A.

  • Zitat

    Original geschrieben von THWS
    Tatsächliche Verantwortungen: Personalverantwortung


    Wenn Du die Dienstpläne geschrieben hast, bedeutet das nicht, dass Du Personalverantwortung hast, sondern dass Du Personal fachlich angeleitet hast...


    Und Du weißt noch nicht einmal, wer i.V. unterschreibt...


    Das Arbeitszeugnis ist sehr wichtig. Hole beim kleinsten Zweifel individuelle Rechtsberatung ein.


    Ein billiger Weg zum mindestens sachlich richtigen Zeugnis sind Zeugnisgeneratoren wie z.B. http://www.handwerk-magazin.de…-erstellen/150/384/207581.

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