Günther Oettingers Trauerrede

  • Ja, nur was gibt es denn daran zu klären wenn es nicht klärbar ist?


    Es zeigt sich doch in entsprechenden Versuchen (ich komme jetzt gerade nicht auf den Namen dieses Experiments...), beschrieben z. B. im Buch "Die Welle", dass eine Aufteilung in Wächter und Gefangene auch heute noch funktioniert und eskaliert wenn man die Leute nur entsprechend einteilt und den Mächtigeren Handlungsspielräume läßt.
    Oder dass im Experiment Menschen Stromstöße auf falsch beantwortete Fragen auslösten obwohl sie mitbekamen dass die Opfer darunter litten (zumindest war den Probanden nicht klar dass es de facto keine Stromstösse gab, sondern das nur gespielt war).
    Oder nehmen wir die immer wieder gerne gezeigten Experimente wie Passanten an unübersehbaren Unfällen vorbeifahren ohne anzuhalten. Oder Themen wie Rassentrennung in den USA oder Apartheid in Südafrika...


    Man kann das beklagen weil es natürlich verwerflich ist. Nur: So funktionieren wir Menschen offenbar. Es ist doch unnütze, intelektuelle Schwallerei das zu brandmarken wenn es offenbar in unserer Gehirnsoftware entsprechende Bugs gibt, die uns regelmäßig so handeln lassen.


    Natürlich rechtfertigt das nichts und die Strukturen müssen dann offenbar von vorneherein so angelegt werden dass erst gar keiner die Möglichkeit hat sich in derartige menschenverachtende Abläufe einfügen zu können, weil allein die Möglichkeit dazu führen könnte - oder besser: führen wird - dass sich entsprechend radikal verhalten wird.
    Aber dass es passiert wenn die Strukturen entsprechende Möglichkeiten vorgegeben sieht man doch an der Realität... Es ist müßig das wegdiskutieren zu wollen oder dann immer mit dem moralischen Hammer zu kommen weil es nun mal faktisch so ist.

    Ich dachte immer es sei technisch unmöglich mit jemandem Sex zu haben, der Dörte heißt...

  • Zitat

    Original geschrieben von Printus
    Ja, nur was gibt es denn daran zu klären wenn es nicht klärbar ist?


    Es zeigt sich doch in entsprechenden Versuchen (ich komme jetzt gerade nicht auf den Namen dieses Experiments...), beschrieben z. B. im Buch "Die Welle", dass eine Aufteilung in Wächter und Gefangene auch heute noch funktioniert und eskaliert wenn man die Leute nur entsprechend einteilt und den Mächtigeren Handlungsspielräume läßt.


    Sorry, aber der m. E. etwas oberflächliche Hinweis auf einen humangenetischen und/oder strukturellen Determinismus greift da entschieden zu kurz. In anderen Ländern gab es auch faschistische und totalitäre Bewegungen, eine schwere Wirtschaftskrise mit Millionen von Arbeitslosen, Minderheiten, die man stigmatisierte, Strukturen, die sich demokratischen Kontrollmechanismen ganz oder wenigstens teilweise entzogen. Und genetisch dürften die Amerikaner, die Briten, die Italiener, Spanier und Franzosen nicht dermaßen verschieden sein von den Deutschen, daß man hier einen Erklärungsansatz finden könnte.


    Aber nur in Deutschland gab es einen Diktator, der mit lautstark propagierten Ideen von Rassereinheit der Deutschen und Vernichtung anderer Rassen, von der Vorherrschaft Deutschlands in Europa und der Zerschlagung von Bolschewismus und "Finanzjudentum" Millionen von Leuten fand, die ihm zujubelten und in ihm einen neuen Messias sahen.


    Ganz so leicht kannst Du die Frage also nicht mit "das ist schon immer so gewesen und ist einfach so in uns Menschen tief im Inneren angelegt" vom Tisch wischen. Da machst Du es Dir m. E. etwas zu einfach. Und mit einem "moralischen Hammer" (oder einer "Moralkeule", wie Martin Walser es formulierte), hat das überhaupt nichts zu tun. Es ist lediglich ein Versuch, zu erklären, warum das Thema Nationalsozialismus auch heute, mehr als 70 Jahre nach "der Machtergreifung" und 60 Jahre nach der Beendigung des Regimes durch Kräfte von außen noch immer ein "heißes Eisen" ist, an dem man sich gewaltig die Finger verbrennen kann: weil nämlich bei jedem von uns (sofern er deutscher Abstammung ist) der Nationalsozialismus auf die eine oder andere Weise Teil der Familiengeschichte, mithin also der ganz persönlichen historisch gewachsenen Identität ist. Und da reagieren Leute nun einmal empfindlich, wie u. a. Du mit Deinem Beitrag gerade bewiesen hast. ;)

    Viele Grüße und einen Happy Day


    Guy Fawkes was the only person ever to enter Parliament with honest intentions.

  • Zitat

    Original geschrieben von bambi05


    Ich habe mir gerade mal mittels Google ein paar Bilder angesehen. Wo genau siehst Du irgendwelche Hitler-Ähnlichkeiten? :confused:


    Lieber BigBlue007, möchtest Du meine Frage noch beantworten?

    Sie nannten ihn Trollfütterer.

  • Kennt einer von Euch Öttinger persönlich? hatte mal politisch mit ihm zu tun (hinter den Türen und auch nur sehr unbedeutend - gehöre auch nicht seinem Lager an). Er kann recht cool reagieren (auch mit der anderen Seite) - er weiß aber immer und auch wirklich immer was er sagt und welche Bedeutung es haben kann. Die Äußerungen auf der Trauerfeier waren ganz klar kaluliert. Nur hat er den Mut der CDU-Spitze verkalkuliert.


    Bezüglich Frisur:


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  • Zitat

    Original geschrieben von bambi05
    Lieber BigBlue007, möchtest Du meine Frage noch beantworten?


    Nein.


    (da subjektiv und daher nicht verargumentierbar. ;) )

    Ist das eine von den Kirchen, wo man so kleine Cracker kriegt? Ich habe Hunger!

  • HappyDay989,


    ich glaube Du schießt mit deinem Ansinnen, dich als intellektueller Schlaumeier zu präsentieren, etwas über das Ziel hinaus. Du wirfst mir einerseits Oberflächlichkeit vor und kommst dann aber mit der Annahme bzw. Unterstellung dass ich glauben würde ein paar vergleichbare Umstände (totalitäre Strukturen im Staat) würden schon reichen um immer gleiche Folgen auszulösen.


    So einfach ist es natürlich nicht, und Du kannst auch nicht ernsthaft annehmen dass ich das so einfach sehen würde. Gerade hier liegt doch das Schlimme, das Unfaßbare am Dritten Reich, dass man eben nicht wirklich weiß warum es in dem Fall so dermaßen eskalieren konnte.


    Ein denkbarer, ein möglicher Erklärungsansatz könnte darin liegen dass sich gewisse faschistische Bestrebungen mit einem ganz unheilvollen Zeitgeist und einer Mentalität mischten - und dieses Empfinden ist eben nicht zu jeder Zeit in jedem Staat gleich, auch wenn die äußeren Umstände vergleichbar sind.


    Dass bestimmte Abläufe immer wieder funktionieren sehen wir sowohl am Genozid in Ex-Jugoslawien oder auch bei Hutus und Tutzi in Rwanda - und das passierte gerade vor ein paar Jahren, als man eigentlich schlauer hätte sein müssen weil es immerhin die Erfahrungen aus dem 2. Weltkrieg schon gab. Ergo - wenn ein gefährliches Gebräu aus entsprechenden Einpeitschern und der jeweiligen Stimmung im Volk zusammen kommen passiert es selbst heute noch.


    Zitat

    weil nämlich bei jedem von uns (sofern er deutscher Abstammung ist) der Nationalsozialismus auf die eine oder andere Weise Teil der Familiengeschichte, mithin also der ganz persönlichen historisch gewachsenen Identität ist. Und da reagieren Leute nun einmal empfindlich, wie u. a. Du mit Deinem Beitrag gerade bewiesen hast. ;)


    Du kennst meine Familiengeschichte nicht und kannst dann auch nicht pauschal unterstellen dass ich familiär geprägt irgendwelchen Nachwirkungen aus der Nazidiktatur unterliege.
    Tatsächlich gab es nämlich nie irgendeinen Einfluß und wenn ich auf etwas reagiere dann nur auf das, was heute an mich herangetragen wird - beispielsweise jetzt im Zuge der Oettinger-Berichterstattung. Meine Meinung wäre aber sicher nicht anders wenn ich aus Brasilien adoptiert worden wäre, dann würde ich über den aktuellen Zirkus genauso denken wie jetzt, wo ich nun mal hier geboren wurde.

    Ich dachte immer es sei technisch unmöglich mit jemandem Sex zu haben, der Dörte heißt...

  • Zitat

    Dass bestimmte Abläufe immer wieder funktionieren sehen wir sowohl am Genozid in Ex-Jugoslawien oder auch bei Hutus und Tutzi in Rwanda - und das passierte gerade vor ein paar Jahren, als man eigentlich schlauer hätte sein müssen weil es immerhin die Erfahrungen aus dem 2. Weltkrieg schon gab.


    In einem muss ich dir auch wiedersprechen: Sicherlich haben die Menschen nicht viel aus dem gelernt, was im 2. Weltkrieg passiert ist. Andersherum kann man aber auch fragen, ob ein Volk, das nicht direkt davon betroffen war überhaupt lernen kann. Das wäre zwar um so schlimmer, da jedes Volk im Prinzip das gleiche durchmachen muss, aber das wäre die konsequenz.


    Ich denke jedoch, und da gibt mir die Geschichte zumindest recht, dass es immer Menschen gab - und zum Teil waren es nicht wenige - die sich aus dem aktiven Leben zurückzogen und versuchten der Naziherrschaft zu entgehen. Für mich gilt die Ausrede nicht, dass man keine andere Chance gehabt hätte. Ich denke man hatte sie, aber man war nicht bereit seinen Status/Job/Haus/Stellung in der Gesellschaft aufzugeben. Daher haben viele mitgemacht und erst zu spät gemerkt, dass es kein zurück gibt.

  • Zitat

    Original geschrieben von BigBlue007
    Ich weiß nicht... Ich denke, in manchen Fällen - und gerade mit Blick aufs dritte Reich - reicht eine rein juristische Beurteilung der Protagonisten eigentlich völlig aus.


    Zitat

    [i]Original geschrieben von Printus

    Zitat


    Das denke ich aber ganz und gar nicht. Im Gegenteil sogar! Juristisch sind die Ungeheuerlichkeiten der Nazidiktatur gar nicht zu erfassen und die langfristig spannende Frage ist auch keineswegs wer da wann gemäß irgendwelcher Gesetze gehandelt hat.


    Gerade weil ein Großteil der Jurisprudenz in der Nazizeit kläglich versagt hat, sollte man dieser Zunft die Beurteilung der Protagonisten nicht überlassen.


    Der Rechtspositivismus, also die noch immer weit verbreitete rechtsphilosophische Haltung, dass alles was legal ist, auch legitim sein muss, war sicher ein Grund für die Blindheit vieler Juristen dieser Zeit.


    Aber zugegeben, in einigen Nazischulbüchern haben deutsche Historiker in den 30er und 40er Jahren auch gerne mal den ersten Weltkrieg verharmlost und Deutschlands Großmachtstreben schön geredet.


    Im Grunde haben wir es mit einem Totalversagen der "intellektuellen Eliten" dieser Zeit zu tun. Bei den Juristen waren die Auswirkungen ihrer Verblendung nur besonders schlimm.

    “The ideas of economists and political philosophers, both when they are right and when they are wrong, are more powerful than is commonly understood. Indeed the world is ruled by little else. Practical men, who believe themselves to be quite exempt from any intellectual influence, are usually the slaves of some defunct economist.” (Keynes)

  • Moin,


    ich Zitiere hier mal den Beitrag des Juristen Dr Kramer. Halte diesen Beitrag für sehr lesenswert .Quelle





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  • Eine interessante Gegenthese, ebenfalls sehr lesenswert, findet man hier.


    Für uns Deutsche steht zwar mehrheitlich fest dass die Todesstrafe eine unwürdige Veranstaltung ist - aber andere Länder sehen das bis heute nicht so, und vor 60 Jahren wurde das auch in Deutschland anders bewertet.
    Kann man allein an der Frage nach der Todesstrafe fest machen ob jemand ein "schlimmer Jurist" war? Man pickt sich hier eine Sache heraus, die nach heutigen, nach unseren Gesichtspunkten sicher absolut unappettitlich ist. Aber ich weiß nicht ob man diese Maßstäbe anlegen kann... Damals sah das alles noch anders aus, und nicht allein wegen der Nazis. Deserteure wurden auch anderswo nicht zimperlich behandelt und in einer gewissen Weise ist das nachvollziehbar, weil wer würde in den Krieg ziehen und dort sein Leben riskieren wenn er ohne allzu große Konsequenzen fern bleiben könnte?


    Jeder mußte auch immer fürchten wegen "Wehrkraftzersetzung" angeklagt zu werden - und selbst wenn es nur um das Einbüßen von Karrierechancen ging - mal ganz im Ernst: würden wir heute "einfach so" unsere Lebenspläne verändern nur weil wir im Job mal etwas tun müssen, was uns nicht so gut gefällt?


    Ich will das alles nicht rechtfertigen oder relativieren, selbstverständlich war das alles schlimm damals, aber Viele sind mir zu schnell dabei mit großspurigen Aussagen dass man sich so und so hätte verhalten können und dann wäre ohne großes persönliches Risiko alles anders gewesen. Vielleicht hat der einzelne das damals ganz anders wahrgenommen?


    Wer damals irgendeinen Posten bekleidete hatte zu einem großen Teil auch echt Pech. Wenn die Leute es sich hätten aussuchen können hätten sie sicher nicht in den 1930er und 40er Jahren in Europa, speziell Deutschland, gelebt. Man hatte leider die Arschkarte und wurde nicht gefragt ob man sie will...


    Wobei es keine endgültige Antwort der Beurteilung geben wird. Jeder kann es werten wie er mag. Im Zusammenhang mit Oettinger ist die Sache aber doch klar. Ein Widerständler war Filbinger nicht, die Trauerrede in diesem Punkt schlicht falsch. Das bestreitet inzwischen ja auch keiner mehr. Also läßt man es entweder gut sein oder zieht Konsequenzen daraus - fertig. Aber was gibt es da jetzt immer weiter dran zu diskutieren? Viele Politiker wollen sich da jetzt auch profilieren und ins Rampenlicht treten indem sie den Gutmenschen abgeben und die Gunst der Stunde nutzen um Parteipolitik zu betreiben.

    Ich dachte immer es sei technisch unmöglich mit jemandem Sex zu haben, der Dörte heißt...

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