Vergangenheit in Deutschland noch immer ein Tabuthema?

  • Printus
    Ich würde die Sache mit den Mitgliedschaften lieber von der Vergleiche-Debatte trennen. Das gehört zwar Beides in die Ecke "Umgang mit NS-Dingen", passt aber vom Hintergrund her nicht so gut zusammen, weil die angesprochenen Äußerungen in unserer Gegenwart stattfinden.


    Du schreibst:
    "Ja, Nazi-Themen sind ein Tabu-Thema und es ist im öffentlichen Raum schlicht und ergreifend unmöglich das Thema anzuschneiden, einen Vergleich zu ziehen etc. ohne sofort in einen Skandal verwickelt zu werden."


    Die Beobachtung ist sicher richtig, dass im Nebensatz eingestreute Nazi-Themen regelmäßig Skandale auslösen. Aber ich sehe die mediale Lust, zu skandalisieren, nicht als den einzigen Grund dafür.


    Ein Tabu ist ja bekanntlich eine Sache, die man nicht unsanktioniert öffentlich ansprechen kann. Nach dieser Definition ist das Dritte Reich aber gerade kein Tabu!


    In keinem anderen Land wurde und wird öffentlich so ausdauernd über das Dritte Reich und über die eigene Schuld gesprochen. Ganze Forschungsinstitute beschäftigen sich nur mit Fragen aus der NS-Zeit, Die Zeitungen schreiben regelmäßig darüber und auch im Fernsehen bekommt man oft mehr Nazi-Kost serviert, als erträglich ist. (An dieser Stelle Gruß an Guido Knopp).


    Eine um Differenzierung bemühte Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich ist nach meiner festen Überzeugung in Deutschland also nicht tabuisiert.
    Ich nehme an, da sind wir uns einig.



    Was anscheinend problematisch ist, sind Vergleiche und Argumente, die vordergründig positive Dinge aus der NS-Zeit herausgreifen, ohne den Zusammenhang zu nennen. Du hast ja selbst das Beispiel mit dem Autounfall gebracht. Das ist ein Spiel mit dem Feuer und in einigen Fällen sicher absichtliches Zündeln.


    Man mag argumentieren, dass die ausführliche, öffentliche Auseinandersetzung mit der Thematik ein Grundwissen in der Bevölkerung geschaffen hat, mit dessen Hilfe derartige Äußerungen automatisch richtig bewertet und eingeordnet werden können.


    Aber erstens ist es mit der historischen Bildung nicht so weit her, wie es wünschenswert wäre - man denke nur mal an die Autobahnlegenden.
    Und zweitens sind die angebrachten Vergleiche oft historisch falsch oder so weit hergeholt, dass man sich wirklich fragen muss, was der Redner damit bezweckt.


    Ich finde, man kann eine gewisse Sensibilität im Umgang mit Themen aus der Nazizeit erwarten. Das ist noch keine Tabuisierung.
    Gerade bei formal sehr gebildeten Menschen, die noch dazu als Fernsehmoderatoren eine Vorbildfunktion haben (ob sie wollen, oder nicht).


    Die Nazizeit ist einfach kein Steinbruch, aus dem man sich einfach so bedient, wenn man einen Sachverhalt aus der Gegenwart verdeutlichen will.


    Sie eignet sich wegen der ideologischen Durchwirkung aller Lebensbereiche einfach nicht als Fundus für Beispiele positiver Gesellschaftspolitik.



    Akzeptiert man nun die Haltung, das Sprechen über die Nazizeit sei in Deutschland generell tabuisiert, geht man nur den Maulkorbstrategien der wirklich Rechten auf den Leim. Die gefallen sich dann in der Opferrolle.

    “The ideas of economists and political philosophers, both when they are right and when they are wrong, are more powerful than is commonly understood. Indeed the world is ruled by little else. Practical men, who believe themselves to be quite exempt from any intellectual influence, are usually the slaves of some defunct economist.” (Keynes)

  • Zitat

    Original geschrieben von Jochen
    Sind hier eigentlich nur noch Provokateure im Thread unterwegs? Ist das vielleicht die Art von Thema, auf die manche nur gewartet haben?


    Was glaubst du, wohin ein Thread mit dem Titel "Vergangenheit in Deutschland noch immer ein Tabuthema?" führen kann? Ein Titel, der bereits unterstellt, dass über die "Vergangenheit" (Hallo?) in Deutschland nicht gesprochen werden darf?


    Dabei ist allen eigentlich klar, dass die Zeit des Nationalsozialismus eine der Zeiten der deutschen Geschichte ist, die am intensivsten dokumentiert, analysiert und diskutiert wurde und noch wird. Es gibt kein anderes historisches Thema in der Schule, bei dem 12 Jahre (plus vorher/nachher) so ausführlich behandelt werden.


    Tabuthema? Wohl kaum, eher passt Leuten der Inhalt nicht. Die Merkmale und Werte der nationalsozialistischen Gesellschaft sind aber im wesentlichen menschenverachtend. Woher also die Motivation von Leuten, da unbedingt positive Aspekte raussuchen zu müssen?


    Ein solcher Thread kann unter diesem provokativem Hintergrund kaum sachlich bleiben. Daher auch mein Beitrag ganz vorn im Thread. Jedoch muss ich etwas Abbitte leisten: Das Thema "Kerner und sein Umgang mit Herman" kann man prinzipiell diskutieren, zudem sind hier von einigen Usern wirklich sachlich differenzierte Beiträge zu lesen - wie es bei dem Thema auch notwendig ist. Danke.


    [small]Das wollte ich gern loswerden. Inhaltlich halte ich mich weiterhin aus o.g. Gründen zurück, zudem würde ich mich ziemlich aufregen, wenn ich richtig einsteige. Und Aufregung hab ich grad anderweitig genug.[/small]


    Gruß, Öle

    Mit Grüßen ...

  • Ich finde es beeindruckend, dass hier in einem Internet-Forum eine zum Großteil sachliche Diskussion stattfinden kann, was im öffentlich-rechtlichen Rundfunk bei Kerner scheinbar nicht möglich war.


    Es lebe das Internet.

  • Zitat

    Original geschrieben von rajenske
    Woher also die Motivation von Leuten, da unbedingt positive Aspekte raussuchen zu müssen?


    Na ja, in dem konkreten Fall, der ursächlich zu diesem Thread führte, hat ja überhaupt niemand zu irgendeiner Zeit versucht, irgendetwas Positives an der Zeit der Nazidiktatur auszumachen.


    Daß man aber selbst dann, wenn man nicht eindeutig genug seiner Abneigung gegenüber diesen Dingen Ausdruck verleiht, bereits an den Pranger gestellt wird, das finde ich schon sehr bedenklich.


    Gerade hier im Thread fällt es schwer, Godwin's Law zu umschiffen, und ich tappe jetzt mal bewußt in diesen Pott: Das, was bei Kerner abgelaufen ist, waren genau die Dinge, deren Verherrlichung man einer Frau Herman eigentlich unterschieben wollte. Man bekommt geradezu den Eindruck, die Runde um Herrn Kerner wollte die "Arbeitsweise" von damals gegenüber "unerwünschtem Gedankengut" mal par excellence vorführen.


    cu


    NoTeen



  • Ohne Dir nahe treten zu wollen, fehlen Dir hier offensichtlich einige Informationen. Zwar waren natürlich nicht alle Deutschen Mitglieder der NSDAP, aber immerhin 8 Millionen und das war bei der damaligen Alterstruktur doch ein nicht unerheblicher Teil der erwachsenen Bevölkerung. Der Anteil der Jugendlichen in der HJ bzw. im BDM lag sogar noch deutlich darüber, hier war eine Nichtmitgliedschaft schon ein offener Akt der Systemkritik.
    Außerdem sollte man mit der Beurteilung derartiger Dinge doch sehr vorsichtig sein, wenn man selbst nie in einer vergleichbaren Situation war. Wer z.B. 1935 oder 1936 als junger Mensch den Wunsch hatte, eine berufliche Karriere zu beginnen, der kam um eine Mitgliedschaft in irgendeiner NS-Organisation kaum herum. Im Falle Filbinger war es z.B. so, daß er ohne eine solche Mitgliedschaft nicht zum juristischen Staatsexamen zugelassen worden wäre. Man kann sich natürlich aufs hohe Roß setzen und behaupten, daß man das selbst nie getan hätte, aber das ist im Nachhinein leicht gesagt. Dabei sollte man sich außerdem verdeutlichen, daß Mitte der 30iger Jahre zwar schon durchaus klar war, daß es sich um ein diktatorisches Regime handelte, daß die schrecklichsten Verbrechen dieses Regimes aber erst während des Krieges verübt wurden. Man muß schon in der Lage sein, im historischen Kontext etwas zwischen Überzeugungstätern und Mitläufern zu unterscheiden. Nur wenige Menschen haben den Mut, sich in einem totalitären Regime für den offenen Widerstand zu entscheiden und damit die eigene Existenz aufs Spiel zu setzen. Das war im Dritten Reich nicht anders als in der SU.
    Was schließlich die Mitgliedschaft in der Waffen-SS angeht, so war diese nur anfangs freiwillig. Als es im Verlaufe des Krieges nicht mehr genügend Freiwillige gab, wurden auch ganz gewöhnliche Wehrpflichtige zur Waffen-SS eingezogen.

  • Jetzt muss ich doch .. : ;)

    Zitat

    Original geschrieben von NoTeen
    Na ja, in dem konkreten Fall, der ursächlich zu diesem Thread führte, hat ja überhaupt niemand zu irgendeiner Zeit versucht, irgendetwas Positives an der Zeit der Nazidiktatur auszumachen.


    Meine Worte fühlen sich verdreht. ;)


    Ich sprach von "Merkmalen und Werten der nazionalsozialistischen Gesellschaft". Da hat Herman angeknüpft in ihren Worten. Sie hätte das in ihren konfusen Sätzen halt lassen sollen. Für historische Bezüge zu ihren Wertvorstellungen gibt es andere Möglichkeiten, wenn sie die rein sachlich braucht. Und ich fragte, warum Leute gerade da suchen.


    Ich habe nicht gesagt, dass sie "Positives an der Zeit der Nazidiktatur" ausmachen wollte. Das wäre etwas anderes.

    Mit Grüßen ...

  • Klar, da ist schon was dran, NoTeen.


    Wenn man wirklich nur die Sendung mit Kerner betrachten würde, könnte einem Frau Hermann schon leid tun.


    Aber der Fall Hermann hat eine ellenlange Vorgeschichte. Wenn man das mal genau nachrecherchiert, vergeht einem das Mitleid.



    Nochmal zum Zitat:


    "Und wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder wertschätzen lernen, das leider ja mit dem Nationalsozialismus und der darauf folgenden 68er-Bewegung abgeschafft wurde. Mit den 68ern wurde damals praktisch alles, das alles [abgeschafft], was wir an Werten hatten. Es war eine grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat, das wissen wir alle. Aber es ist damals eben auch das, was **gut war**, und das sind Werte, das sind Kinder, das sind Mütter, das sind Familien, das ist Zusammenhalt - das wurde abgeschafft. Es durfte nicht mehr stehen bleiben."


    Für mich wird hier deutlich, dass Frau Hermann kein Nazi ist, dass sie schlecht formuliert und dass sie dem Familienbild unter Hitler etwas Positives abgewinnen kann, weil sie nicht weiß oder nicht wahrhaben will, was dahinter stand.


    Ich will damit nicht sagen, dass Eva Hermann krampfhaft versucht hat, etwas Gutes an der Nazizeit zu finden.
    Die unglückliche Formulierung zeigt vielmehr, dass sie wenig Ahnung von Geschichte hat. Hätte sie nämlich Ahnung, wovon eigentlich niemand ausgeht, könnte man ihr mit Recht Nähe zu rechtem Gedankengut unterstellen.

    “The ideas of economists and political philosophers, both when they are right and when they are wrong, are more powerful than is commonly understood. Indeed the world is ruled by little else. Practical men, who believe themselves to be quite exempt from any intellectual influence, are usually the slaves of some defunct economist.” (Keynes)



  • Frau Herman müßte sich eigentlich nur für eines entschuldigen, nämlich für ihren wirren Satzbau. Ansonsten hat sie u.a. auch in Kerners Sendung eindeutig erklärt, was sie eigentlich ausdrücken wollte: Nämlich daß die traditionellen Familienwerte in der Zeit des Nationalsozialismus für die Zwecke des Regimes mißbraucht wurden und daß dies der Grund dafür war, daß die 68er neben vielem anderen den Sturmangriff auch auf diese traditionellen Werte eröffnet haben. Und was ist an dieser Aussage eigentlich falsch?

  • Ich dachte, der Vorwurf in den Medien und der Grund für den Rauswurf bei Kerner war gerade, dass Frau Hermann eben nicht eindeutig erklärt hat, was sie meinte und sich stattdessen gewunden hat, wie ein Aal?


    So z.B. ein Kommentator im Stern:
    http://www.stern.de/unterhaltu…in-Gott,-Eva!/599793.html


    oder hier, in der SZ:
    http://www.sueddeutsche.de/kultur/meinung/373/137098/


    "Als niemand, auch nicht der Historiker Wolfgang Wippermann, verstehen wollte, dass die Nazis hier und da einen guten Job gemacht haben, verblüffte sie mit der Stammtisch-Wahrheit: "Damals wurden auch Autobahnen gebaut, und wir fahren darauf!"


    Hermann stellte den Zusammenhang also selbst nochmal her.

    “The ideas of economists and political philosophers, both when they are right and when they are wrong, are more powerful than is commonly understood. Indeed the world is ruled by little else. Practical men, who believe themselves to be quite exempt from any intellectual influence, are usually the slaves of some defunct economist.” (Keynes)

  • Zitat

    Original geschrieben von <registered>
    Ich dachte, der Vorwurf in den Medien und der Grund für den Rauswurf bei Kerner war gerade, dass Frau Hermann eben nicht eindeutig erklärt hat, was sie meinte und sich stattdessen gewunden hat, wie ein Aal?


    So z.B. ein Kommentator im Stern:
    http://www.stern.de/unterhaltu…in-Gott,-Eva!/599793.html


    Hast Du die Sendung eigentlich gesehen? Genau das was ich oben geschrieben habe, hat sie mehr oder weniger wörtlich gesagt, es wollte nur keiner hören. Falls Du die Sendung nicht gesehen haben solltest, kannst Du das in der Mediathek des ZDF nachholen. Nur das Ende nach Eva Hermans Rausschmiß haben sie weggeschnitten. Die albernen Banalitäten, die nach diesem Skandal noch ausgetauscht wurden, waren wohl sogar Kerner zu peinlich.


    Was den "Experten" Prof. Wippermann angeht, so sollte man allerdings im Auge behalten, daß dieser Mann selbst äußerst umstritten ist, weil die bolschewistischen Massenmorde in der Sowjetunion in seinen Schriften immer wieder bagatellisiert hat. Hätte er das was er über die Opfer des kommunistischen Regimes in der SU geschrieben hat über die Opfer des NS-Regimes geäußert, so hätte er längst keinen Lehrstuhl mehr.

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