Müssen Menschen für unsere Jeans sterben?


  • Das ist ja schön und gut, aber wo ist der Code auf meiner Jeans zu finden? Ich kauf seit Jahren nur Bio-Eier, vor der 0 und jetzt erst recht. Aber wo bitte ist das so einfach? Geh doch bitte mal ins Karstadt such Dir ein T-Shirt oder eine Jeans aus und versuche rauszufinden ob die Klamotten dieses Herstellers gefertigt werden ohne jemanden zu schaden und zwar lückenlos. Da hörts dann nämlich auf, da wird dann jeder Einkauf zur tagelangen Recherchetour.


    Ich gebe durchaus mehr Geld für fair gehandelte und produzierte Produkte aus. Aber das funktioniert bisher halt weitgehenst nur im Lebensmittelhandel. Da gibt es entsprechende Organisationen und Siegel. Aber im Modebereich? Computer? Elektronik? Pustekuchen. Da wird die Sache relativ schwierig und umständlich. Und ja, ich bin dann echt zu faul tagelange nach einer Klamotte die mir gefällt zu recherchieren.


    bs

  • Zitat

    Original geschrieben von Elke2002
    2 Zitate als Beispiel:


    Mir fällt zu diesen beiden Behauptungen ein Gegenbeispiel ein, was zwar nichts mit Hosen zu tun hat, aber zeigt, dass es so einfach (leider) nicht ist:


    Eier!


    Da hast du mein Zitat nun aber völlig aus dem Zusammenhang gerissen, ich sprach von Zähnen und da geht es, im Gegensatz zu den Eiern, um einige Hundert Euro Ersparnis!


    Desweiteren geht es in diesem Thread um Menschen und deren "Haltung" ist nun mal nicht anhand von Kennzahlen ersichtlich wie dies beim lieben Kleinvieh der Fall zu sein scheint! ;)

    Ich habe dem Teufel meine Seele verkauft und jetzt sind wir beide ein wenig aufgeregt...!

  • Zitat

    Original geschrieben von bastian_S
    Das ist ja schön und gut, aber wo ist der Code auf meiner Jeans zu finden?
    ...
    Ich gebe durchaus mehr Geld für fair gehandelte und produzierte Produkte aus. Aber das funktioniert bisher halt weitgehenst nur im Lebensmittelhandel. Da gibt es entsprechende Organisationen und Siegel. Aber im Modebereich? Computer? Elektronik? Pustekuchen. Da wird die Sache relativ schwierig und umständlich.


    Ich gebe Dir ja recht, dass das bei Klamotten leider schwieriger als bei Eiern ist.
    Daher auch mein Beispiel: Wenn bei Sachen, wo man sooo einfach unterscheiden kann, was "besser" ist, immer noch so oft das "schlechtere" gekauft wird, dann sehe ich bei solchen Dingen wie Jeans ehrlich gesagt ziemlich dunkel.


    Die meisten Menschen scheinen halt ziemlich egoistisch zu sein und nur das zu sehen, was sie ganz unmittelbar betrifft.
    Für ein neues Handy wird ja tagelang gegoogelt und in diversen Foren recherchiert. Aber dass z.B. naturschonende Klamotten auch einem selber / seiner Gesundheit förderlich sind, das ist schon wieder zu schwierig... ;)


    Wenn man etwas sucht, dann findet man auch was:


    Das ÖkoControl Siegel ist ein Gütesiegel für Produkte. Es zeichnet Möbel, Matratzen und Bettwaren aus, die bei unabhängigen, akkreditierten Prüflaboren auf Schadstoffe getestet wurden und größtmöglich schadstoff-frei sind.


    TransFair-Siegel (gilt nicht nur für Kaffee, sondern auch für Baumwolle)


    Auf der InNaTex (Internationale Naturtextilmesse) sind bis heute sind regelmäßig mehr als 200 Aussteller aus rund 20 Ländern sowie über 2.000 Fachbesucher


    Über soziale Kleidungsherstellung


    Klamotten kaufen: Waschbär Umweltversand


    Ich habe mal mit Absicht die Wiki-Artikel verlinkt, weil die tendenziell eher "neutral" sind. In und unter jedem Artikel gibt es weiterführende Links. :)


    -----
    Edit:
    @ laudanum: Darum habe ich Dein Zitat auch nur als "ein Beispiel" gekennzeichnet. Und vernünftige Lebensumstände von Menschen kann man auch sehr wohl anhand bestimmter Richtlinien bestimmen. ;)

  • In 2004 habe ich beim Zoll die Information gehört, dass 80% der weltweiten Bekleidungsproduktion aus China, Vietnam, Bangladesh und Pakistan stammt. Das mag sich heute verschoben haben oder nicht, aber es zeigt doch eins: dass die billigen genauso wie die teuren Anbieter längst, egal ob Stoffe oder fertige Bekleidung, in Billiglohnländern produzieren lassen und der Grund wird immer der Preis oder die "unkomplizierten Auflagen" - im Klartext Kinderarbeit und ungesunde Produktionsbedingungen sowie Ausbeutung armer Bevölkerung - sein.


    Die angeblich so moralischen Markenhersteller arbeiten oft mit dem Trick, dass die Hose nach ihrer Ansicht erst durch das Aufnähen des Labels zur Markenhose wird. Also werden die Hosen genau da genäht, wo auch die Hosen vom KiK etc. hergestellt werden, und man importiert diese Ware dann als Billigjeans ohne Etikett in die EU. Die Importgebühren halten sich im Rahmen weil sich der hohe Zollsatz bei sehr preiswerten Warenwerten nicht wirklich bemerkbar macht.
    Aus dem 3 EUR-Jeans-Rohling wird dann erst durch Aufnähen des entsprechenden Etiketts einer bekannten Modefirma die teure Designerjeans und DIE wurde dann ja sozusagen in dem Land hergestellt, in dem das Etikett aufgenäht wurde. Die Jeans ist dann also angeblich "Made in Italy" etc., obwohl sie genauso aus China stammt wie jede No-name-Jeans.
    Den Profit streichen hier Geschäftemacher ein, die angeblich gute Markenware anbieten und dafür entsprechende Preise kassieren, in Wirklichkeit aber noch unehrlicher sind als diejenigen, die gar nicht erst verstecken, dass die Hosen daher kommen, wo nahezu alle Hosen herkommen.


    Ich sehe sowas in einem größeren Zusammenhang, genauso wie die aktuelle Finanzkrise. In der Wirtschaft gilt nur noch der schnelle Profit, das ungehemmte Absahnen, ohne Rücksicht auf Verluste. Es zählt nicht mehr das Wohl des Gesamtunternehmens mit allen Mitarbeitern, sondern in der Chefetage werden sich die Taschen vollgestopft und die Mitarbeiter werden abgebaut, durch billige Zeitarbeiter ersetzt oder die Produktion im Rahmen der Globalisierung an einen Standort verschoben, wo Menschen bereit sind fast alles zu machen weil sie sonst gar keine Überlebenschance haben.


    Die Politik spielt mit, man schaue sich mal an welche Beraterverträge, Aufsichtsratsmandate, Firmenbeteiligungen etc. viele Abgeordnete selbst noch während ihrer aktiven Zeit haben, geschweige denn wo die Herren nach ihrer Zeit in der Politik landen. Schröder als Genosse der Bosse, Clement als ehemaliger Wirtschaftminister der Regierung, die die Zeitarbeit massiv gepuscht und Hartz 4 verschäft hat, als Beteiligter eines Zeitarbeitsunternehmens und Lobbyist der Energiewirtschaft, der Ex-Verkehrsminister Wissmann als Präsident eines Automobilverbandes, Friedrich Merz hat so viele Pöstchen, dass man sich fragt "Wie schafft der Mann das zeitlich alles?", ein Prof. Rürup berät erst die Regierung in Rentenfragen und schafft die Rürup-Rente, inzwischen wechselt er zum Finanzdienstleister AWD und verkauft dort Produkte, die er selbst erfunden hat... und diese Litanei kann man seitenweise weiterführen.


    Die Eliten in Politik und Wirtschaft schaffen da Verhältnisse, gegen die sich "der kleine Mann" doch selber gar nicht wehren kann! Es laufen Machenschaften, wo es schlicht lächerlich ist darüber zu streiten ob man die Jeans bei KiK oder im Designerladen kauft, denn es geht um ganz andere Ebenen.
    Die Bürger leben von der Hand in den Mund und haben doch gar nicht wirklich in der Hand, was gesellschaftlich gespielt wird. Wer heute glaubt, mit seinem Kaufverhalten globale Entwicklungen und Verstrickungen zu beeinflussen, ist entweder hoffnungslos optimistisch oder merkt nicht, was da eigentlich in großen Zusammenhängen gespielt wird.


    Zwar geht es in vielen armen Ländern ums physische Überleben, aber auch hier sorgen sich Leute um ihre Existenz. Mit wenig Geld in einer Gesellschaft, die viele Bedürfnisse und Wünsche weckt, in der man nur mithalten kann, wenn man die richtigen Klamotten hat, ein nagelneues Zweit- und Dritthandy besitzt, wo die Zukunft daran hängt ob in der Bewerbung ein einziger Kommafehler auffällt, den ein Mitbewerber nicht gemacht hat, wo allein schon das Alter oder die Tatsache, dass jemand ein Kind hat, einen fast zum Sozialfall macht, ein Armutsrisiko birgt und bei Bewerbungen alle Chancen versaut - da ist die Diskussion nicht "MUSS man ein Dritthandy haben?", "Wo kaufe ich meine Jeans?" oder "Warum kann jemand die Korrekturfunktion des Textverarbeitungsprogramms nicht bedienen?", sondern es geht vielmehr um die grundsätzliche Ausrichtung der Gesellschaft. Wo steuern wir eigentlich hin???


    Wie will man der Masse der Menschen auf der untersten Stufe vorwerfen, dass sie geweckten Erwartungen nachgeben und sich auch für den Konsum "unsinniger" Dinge abstrampeln, wenn das ganze System sie zwingt, mitmachen zu müssen? Es kann einfach nicht jeder ein Aussteiger sein und sich von den Lebensumständen seiner Umwelt lossagen. So funktionieren soziale Gruppierungen nicht.


    Und noch einen Schritt weiter: viele LEBEN davon, dass im Überfluss produziert und verkauft wird!


    Hier also immer wieder an die einzelnen Bürger zu appellieren und zu kritisieren geht doch am eigentlichen Problem vorbei: dass die Weichen falsch gestellt werden und die Weltwirtschaft von maßlosen Managern an den Rand des Kollapses gebracht wird. Kurzfristig mit der Finanzkrise, langfristig durch ein exzessives Gewinnstreben ohne Verantwortung und Rücksicht auf das Gemeinwohl. Dieses zu stoppen oder zu verändern kann nicht die Aufgabe des einzelnen Bürgers sein, indem er seine Jeans hier oder da kauft.


    Da muss sich in den Köpfen der Entscheidungsträger in den Konzernzentralen, im Management, in der Politik etwas verändern damit die Weichen anders gestellt werden! Das, was im Finanzwesen gerade zumindest gesagt wird (mal sehen, was rauskommt), dass man die Akteure nicht einfach weiter machen lassen darf, sondern dass Spielregeln her müssen um Auswüchse zu verhindern, das muss auch in vielen anderen Bereichen stattfinden.
    Das Umdenken muss nicht allein bei Bürgern stattfinden - die kapieren das nämlich sehr schnell und kaufen, was sie sich leisten können und was angeboten wird! - es muss vor allem "von oben" kommen. Die Masse zieht dann schon mit, wenn die Gesamtverhältnisse passen.


    Wenn man das Geld dazu hat und sicher wäre, dass die teure Jeans wirklich fair produziert worden ist, würde mancher sie gerne kaufen. Solange man es aber nicht weiß und auch nicht das Geld dazu hat, ist es immer nur ein unzureichender Tropfen auf den heißen Stein wenn auf ein paar (durchaus löbliche) Nischenhersteller mit deutschen Produktionsstandorten verwiesen wird.

    Ich dachte immer es sei technisch unmöglich mit jemandem Sex zu haben, der Dörte heißt...

  • Zitat

    Original geschrieben von galahad13
    Ansonsten hilft es einfach aufs Etikett zu schaun und sich notfalls Ware aus der EU zu nehmen, die es auch noch gibt.


    Leider fehlt bei vielen Kleidungsstücken und Schuhen ein Hinweis auf den Produktionsstandort. Es ist mir schon häufiger aufgefallen, das trotz intensiver Suche kein "Made in ... " an der Ware zu finden ist.


    Ich dachte immer, das dieser Hinweis gesetzlich vorgeschrieben ist. Scheint aber wohl doch nicht so zu sein und sollte daher vom Gesetzgeber vorgeschrieben werden - bei allen Produkten, die in Deutschland verkauft werden!


    Andy :)

  • Aber wie ich in meinem Aufsatz erklärt habe nutzt das auch wenig, weil die allermeisten Jeans doch aus genau denselben Gegenden kommen, man näht aber erst hier ein bekanntes Label drauf und sagt, dass die "wesentliche Be- und Verarbeitung" hier stattgefunden habe, weil aus den geschnittenen und zugenähten Rohlingen erst durch das Etikett die Designerjeans wird.

    Ich dachte immer es sei technisch unmöglich mit jemandem Sex zu haben, der Dörte heißt...

  • Eine in der Türkei hergestellte Jeans wird sicherlich nicht durch ein in Deutschland aufgenähtes Label zu einer Jeans "Made in Germany".


    Es muss eine bestimmte gesetzlich vorgeschriebene Wertschöpfung in Deutschland stattgefunden haben, bevor ein Produkt als "Made in Germany" bezeichnet werden darf.


    Andy :)

  • Naja, da widersprichst du dir nun ja. Wenn z.B. Printus' Jeans-Rohling aus China für € 3 inkl. Transport nach Italien kommt, dort sein Diesel-Label erhält, für 30 Euro an den Großhandel geht und für € 40 an die Händler, um dann für € 100 in Italien verkauft zu werden, dann sind 97% der Wertschöpfung in Italien zustande gekommen und nur 3% in Fernost...

    »Wer Sicherheit der Freiheit vorzieht, ist zu Recht ein Sklave« (Aristoteles)

  • Sicher gibt es Vorschriften, aber die werden ausgelegt und wer bestimmt was die "wesentliche Be- und Verarbeitung" ausmacht? Die Hersteller argumentieren dass aus zusammengenähten Baumwolllappen erst dadurch eine Diesel- (oder was auch immer) Jeans wird, dass der Rohstoff hier durch das Aufnähen des Etiketts veredelt wird und damit seinen wesentlichen Charakter als Designerjeans bekommt.


    Es ist ja auch nicht so ganz falsch, der Unterschied zwischen einer Designerhose und einem No-name-Produkt liegt letztlich nur im Etikett und daran, wer die Hose verkauft. Die Ware unterscheidet sich so gut wie gar nicht.


    Die Behörden folgen dem zwar nicht immer blind, aber dann wird eben eine zusätzliche, letzte kleine Naht hier genäht. Das grundsätzliche Spiel bleibt dasselbe.


    Was daran nur deutlich wird: das sind einfach Diskussionen um bürokratische Details, die Warenströme folgen globalen Spielregeln. Man kann da einzelne Unternehmen herausgreifen, die es bewusst anders machen und das ist ja auch löblich. Nur bewirken sie nicht dass die grundsätzlichen Fragen, wo und wie die Ware produziert wird, eine Antwort bekommen.

    Ich dachte immer es sei technisch unmöglich mit jemandem Sex zu haben, der Dörte heißt...

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