Europäische Schuldenunion - ist der Politik überhaupt noch zu trauen?

  • Mal ein aktuelles Zitat von Dieter Nuhr:


    "... 200 Jahre Ausbeutung und Korruption abzulösen durch primitiven Antikapitalismus ist so ziemlich das Dümmste, was man tun kann. Mein Tipp wäre: ein Finanzamt aufbauen, das den Namen verdient, und Korruption bekämpfen, anstatt die anzupissen, die genau dabei helfen wollen."


    Ich denke, er hat Recht. Denn genau letzteres ist es, das ein Vorwärtskommen der Ökonomie verhindert. Habe ich als Staat keine funktionsfähige Verwaltung, die die zur Handlungsfähigkeit des Staats erforderlichen Abgaben einzieht, wird dieser Staat niemals funktionieren können. Aber schon die Troika wurde "beschuldigt", Griechenland ein solches funktionsfähiges Instrumentarium aufzwingen zu wollen.


    Warum wehrt sich der griechische Staat so vehement gegen den Aufbau einer funktionsfähigen Verwaltung, die sein Überleben und seine Handlungsfähigkeit langfristig sicherstellt?


    Darauf hätte ich wirklich gern eine Antwort ... :confused:

  • Frank:


    Zwei Hauptpunkte sind m.E. mangelndes Vertrauen des Bürgers in den Staat und dessen Leistungen, und eine vorherrschende Klientelpolitik, die sowohl oligarchischen Interessen dient, als auch bis in die Mitte der Gesellschaft reinreicht:


    Jemand hatte den Link schon vor einigen Tagen gepostet. Lang (und erkennbar an Stellen aus Perspektive des Autors geschrieben), aber lesenswert:


    http://www.faz.net/aktuell/pol…dArticle=true#pageIndex_7

  • Dem Staat vertraue ich schon lange nicht mehr. Und ja, so wie die Wirtschaft die letzten Jahre agiert sehe ich sie als Feind.
    Gearbeitet wird in diesem Land schon lange, und auch früher gab es Menschen die Stressbedingt total am A... waren. Aber wenn ich mir die Anzahl der Burout erkrankten Menschen ansehe dann bestätigt das meine Ansicht. Zwischen 2004 und 2010 hat sich die Anzahl verzehnfacht, tendenz steigend. Wenn Wachstum um jeden Preis im Vordergrund steht und ohne Rücksicht auf Verluste eine Rendite und ein Aktienkurs das wichtigste ist dann kann ich dir gar nicht beschreiben wie sehr das ein Feind von mir ist.


    Und die Tatsache das viele die Lage in Griechenland nicht verstehen zeugt im Prinzip genau von dieser einer Sache. Jeder hat nur ein einziges Leben, nicht drei, nicht acht und auch nicht fünfzig. Und jedes einzelne Leben was aufgrund von Kursen und sonstigen Quatsch nicht gelebt wird ist eins zu viel. In Griechenland will jemand "Chef werden" damit er weniger arbeitet und so schnell wie möglich mehr von seinem Leben hat. In Deutschland ist das andersrum. Und jetzt kommt nicht mit der Grieche will Geld, der Grieche wollte nie Geld. Andere wollten dass der Grieche Geld will damit Banken nicht hopps gehen. Wie ich schon sagte: wenn ich morgen zur Bank gehe und 5 Milliarden an Kredit ohne Sicherheiten bekomme dann nehm ich die. Die Bank sieht mich nie wieder, kann meinetwegen in 50 Jahren mein Grab ausheben und mein lachendes Skelett pfänden. Selbst Schuld wenn man so blöd ist!

    .:Gate 13:.
    Vor die Wahl gestellt zwischen Unordnung und Unrecht, entscheidet sich der Deutsche für das Unrecht.
    Johann Wolfgang von Goethe

  • Zitat

    Original geschrieben von CK-187
    ... In Griechenland will jemand "Chef werden" damit er weniger arbeitet und so schnell wie möglich mehr von seinem Leben hat. In Deutschland ist das andersrum. ...


    :top:

  • Zitat

    Original geschrieben von CK-187
    Aber wenn ich mir die Anzahl der Burout erkrankten Menschen ansehe dann bestätigt das meine Ansicht. Zwischen 2004 und 2010 hat sich die Anzahl verzehnfacht, tendenz steigend.


    Ist ja auch logisch, dass sich die Anzahl verzigfacht. Früher gab es sowas wie Burnout nicht offiziell bzw. wurde geheim gehalten, weil es peinlich war, ein Zeichen von Schwäche. Heute bekommt jeder die Diagnose Burnout gestellt, der ein bisschen rumjammert. Entsprechend fallen die Statistiken und "Wachstumsraten" aus.


    Davon ab bezweifle ich, dass es in Griechenland Burnout gibt. Dort ist wohl eher Boreout angesagt :D

  • Zitat

    Original geschrieben von CK-187 ... In Griechenland will jemand "Chef werden" damit er weniger arbeitet und so schnell wie möglich mehr von seinem Leben hat. In Deutschland ist das andersrum. ...


    Du meinst der Grieche arbeitet um sein Leben bestreiten zu können, während der Deutsche für die Arbeit lebt.


    Was für den einen Mittel zum Zweck ist, ist für den anderen ein Status bzw. Identifikationssymbol.


    Das kann ich auch nicht nachvollziehen, sehe aktuell wie die Industrie die jenigen entsorgt, die wie Pferde gearbeitet haben auf Familie wegen der Karriere verzichtet haben und nun zwischen 40 und 50 Jahren sind und betriebsbedingt auf die Strasse gesetzt werden, weil die Betriebe lieber ins günstige Osteuropa die Sitze verlagern.


    Auf einmal merken einige, das Arbeit allein nicht der Heilsbringer war. Im Alter ohne Partner, Familie, Kinder, Enkel dazustehen ist in meinen Augen schlimmer als vielleicht mit einer bescheidenen Rente leben zu müssen.


    Das merken leider viele erst wenn Ihre Gesundheit auf der Strecke geblieben ist oder Sie auf einmal in der Bude oder Altersheim später die einzigen Lichtblicke haben wenn ein bezahlter Altenpfleger nach Ihnen 1x am Tag schaut.



    Aber zurück zu den neuen Reformvorschlägen aus Griechenland!


    Ich finde sie nicht ausreichend und realistisch! Ich sehe eher die Gefahr das falls nochmal 53,5 Hilfsmilliarden gezahlt werden diese auch ins ewige schwarze Loch verschwinden.


    Das Land ist ausgeblutet, die die Kohle haben sich längst Ihr Geld gesichert und ins Ausland geschafft. Die griechischen Politiker der Vergangenheit haben es versäumt zum richtigen Zeitpunkt zu handeln bzw. Reformen einzusetzen.


    Letztendlich wird es wohl der kleine Bürger wieder austragen dürfen, in dem Griechenland auf rumänische und bulgarische Lohnverhältnisse zurückfallen muss um die Schulden zu tilgen und in Südosteuropa wettbewerbsfähig zu bleiben.


    Alles andere ist was da die letzten 5 Jahre gelaufen ist, Insolvenzverschleppung!

  • Zitat

    Original geschrieben von IGGY

    Aber zurück zu den neuen Reformvorschlägen aus Griechenland!


    Ich finde sie nicht ausreichend und realistisch! Ich sehe eher die Gefahr das falls nochmal 53,5 Hilfsmilliarden gezahlt werden diese auch ins ewige schwarze Loch verschwinden.


    Die Reformvorschläge sind doch Verarschung pur!
    Da streitet die griechische Regierung ein halbes Jahr mit der Troika über die Reformen, sie sind zu hart und lehnen alles ab.
    Und nun, wo ihnen das Wasser bis zum Hals steht, bringen sie Reformvorschläge die härter sind als alle Vorschläge davor! :rolleyes:
    Das ist doch alles ein ganz schlechter Scherz. Die französischen ähm griechischen Reformvorschläge sind doch nur Mittel zum Zweck. Hauptsache sie bekommen Geld -> danach passiert wieder nix!


    Hoffentlich wird das Hilfspaket III in den Ost bzw. Nordstaaten abgelehnt, die Bundesregierung winkt es eh wieder durch.

  • Zitat

    Original geschrieben von rmol
    Ziemlilch polemische Aussage...
    Wenn hier jemand ideologisch argumentiert, dann sind es Tsipras und Genossen im In- und Ausland...

    Ja, natürlich geht es hier auch um Ideologien. Mit der griechischen Regierung tritt erstmals seit langer Zeit wieder ein Vertreter der Wirtschaftstheorien von John Maynard Keynes zutage. Das ist die Lehre, die das Handeln während des 'deutschen Wirtschaftswunders' bestimmt hat - also nix Abwegiges.


    Dass die GR-Regierung nun den neokonservativen Beamten vor Augen hielt, dass deren System schwere systemische Fehler hat, verstanden diese 'Alternativlos-Politiker' wohl überwiegend als persönlichen Affront. Die schulmeisterliche Art von Varufakis hat da vermutlich noch verstärkenden Anteil daran gehabt.


    Mal ganz sachlich betrachtet:


    Alle EU-Staaten haben Schulden, die sie nicht zurückzahlen könnten.
    Das ist auch gar nicht gewollt, denn unser derzeitiges System der Schaffung von Geld basiert darauf.
    Es geht nur darum, wieviel Schulden man finanzieren/bedienen kann (Zinslast)
    Die Ablösung vorhandener Kredite durch neue ist Standard in ganz Europa und hat nichts mit 'Geld vernichten' oder 'Geld ins schwarze Loch werfen' zu tun (siehe 'Schwarze Null') :apaul:



    Zitat

    Dass das Griechenland gewährte Geld verloren ist, wird ja nicht mehr ernsthaft bestritten.
    Ein offizieller Schuldenschnitt in langfristig ausreichender Höhe würde aber eins bewirken: dass Griechenland wieder als "solvent" gilt und am privaten Kapitalmarkt neue Kredite aufnehmen kann, zu Lasten europäischer Steuerzahler und zugunsten privater Kapitalgeber - eine Konstellation, die gerade du immer heftig kritisiert hast.


    Das Geld ist nur bei einem Grexit zu fast 100% verloren.
    Bei einer 'Umstrukturierung der Kredite' (wie Frau Lagard es diplomatisch beschreibt) wäre 'nur' der Kapitalertrag für die Kreditgeber verringert - nämlich auf ein Niveau, dass GR stemmen könnte. Das ist letztlich auch immer die Forderung von Syriza gewesen, der aber aus ideologischen Gründen nicht entsprochen wird. (ideologisch deshalb, weil es in anderen Fällen nahzu bedingungslos gemacht wurde)
    Auch der viel gerühmte 'Schuldenschnitt privater Gläubiger' vor einigen Jahren, war längst in die Kurse damals eingepreist. Auch Rentenpapiere unterliegen schließlich Kursschwankungen.


    Das Argument der Kapitalmarkt-Refinanzierung (Solvenz) greift ins Leere, da GR gerade wieder für afair 1,6Mrd Euro neue Kredite am freien Markt aufnehmen konnte. Es ist nur eine Frage des Preises (Zinsen). Aber genau das verschlimmert wieder das Problem (Teufelskreis).



    Versucht mal, Euch in die Lage Tsipras zu versetzen: Welche Optionen hat er denn?


    1. Die bisherigen Sparmaßnahmen haben das Land wirtschaftlich ruiniert.
    Würde er sie ohne Veränderung der Schuldensituation akzeptieren, ginge das Land weiter in den Abgrund.
    Also muss er Sparmaßnahmen gegen Schuldenumstrukturierung verhandeln.


    2. Die 'großzügigen Angebote' der Gläubiger waren gar keine, wie letzten Sonntag bei Jauch anhand der WikiLeaks-Dokumente gezeigt.
    Daher musste er sich dem verweigern.
    Das Referendum war letztlich daher eine konsequente Reaktion darauf und hat nebenbei seine Position im eigenen Land gestärkt und seine Widersacher (die korrupte Kaste) kalt gestellt.

  • Die Deutschen und Franzosen werden, denke ich, zustimmen. In den baltischen Staaten scheint aber die Geduld am Ende zu sein:


    http://www.deutschlandfunk.de/…ml?dram:article_id=325042


    Mag sein, dass sanfter Druck aus Berlin und Paris da etwas bewirken kann, doch verlassen würde ich mich darauf auch nicht. Und ein Punkt, der in der Tat wichtig ist: Die Vorschläge sind offenbar mit technischer/juristischer Hilfe aus Frankreich erarbeitet worden, wogegen an sich nichts spricht (wenngleich das schon sehr tief blicken lässt, was den Zustand der griechischen Institutionen angeht). Aber wie sieht es mit der Umsetzung aus? Werden da die Europäer auch um Hilfe gebeten? Und wird unter diesen Umständen in Griechenland das Paket noch mehr als Diktat empfunden als bisher, oder ist es gerade eine Chance, wenn eine linksorientierte Regierung diese Vorschläge umsetzen muss?


    Die Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte hat ja eigentlich gezeigt, dass sozialdemokratische Regierungen eher in der Lage sind, angebotsorientierte Reformen durchzusetzen, weil sie dabei in ihr eigenes Lager hineinwirken können, während liberale und konservative Regierungen mit starkem Widerstand rechnen müssen.

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