Müssen solche Berichte sein (Bild-online)?

  • Ich denke schon, dass er gewußt hat, dass er gefilmt wird, psychisch krank heißt nicht unbeding völlig Melone.


    Wer drei Stunden (!) an einem Besucherhighlight in München herumkraxelt, der wollte gewiß eins nicht - in stiller Bescheidenheit abtreten. Das geht in dieser Gegend auch nachts von der Großhesseloher Brücke (wenns denn geographisches Highlight sein muss). BTW: Starke Sondertruppe, die ihn stundenlang nicht fassen können will. Erfurt läßt grüßen...


    Von daher finde ich das alles halb so wild. Sie haben ja nicht den Aufklatscher ins Netz gestellt - das wäre nun wirklich hart gewesen. Und zuzutrauen wäre es Bild nämlich auch.


    Ich habe ein Erlebnis in Erinnerung, dass ich deutlich schlimmer fand. An der Autobahnraststätte wurde ein Ersthelfer infolge eines später auffahrenden Fahrzeugs mit dem Hals zwischen LKW und Verkehrsschild eingeklemmt. Ein Freund von mir hielt in fest, damit sein Kopf nicht abreißt. Und was passierte? Ein Familienbus hielt auf dem Standstreifen - alle auf Urlaubsfahrt. Vattern packt die Videocamera aus und filmt dieses erste Urlaubshighlight. Sowas ist krass, da kann man dem Bildartikel nix böses mehr abgewinnen. Armes Deutschland (oder ganze zivilisierte Welt).

  • Zitat

    Original geschrieben von Marko
    Ich denke schon, dass er gewußt hat, dass er gefilmt wird, psychisch krank heißt nicht völlig Melone.


    Wer drei Stunden an einem Besucherhighlight in München herumkraxelt, der wollte gewiß eins nicht - in stiller Bescheidenheit abtreten. Das geht in dieser Gegend auch nachts von der Großhesseloher Brücke (wenns denn geographisches Highlight sein muss).


    Von daher finde ich das alles halb so wild. Sie haben ja nicht den Aufklatscher ins Netz gestellt - das wäre nun wirklich hart gewesen.


    Natürlich heißt psychisch krank nicht völlige Mattscheibe (das brauchst du mir als studierten Psychoonkel nicht zu erklären). Aber er ist nicht da rauf gekraxelt, um von der BILD abgelichtet und im net veröffentlicht zu werden (sondern nur, um auf sein Leid aufmerksam zu machen, nicht um verarscht und damit vielleicht noch fertiger gemacht zu werden. Aber diese Dimension wird leider zu wenig beachtet, hauptsache Fun).

  • Nun, seine Motive werden wir gewiß nicht aufklären können. Dieser Auftritt, und als solches sehe ich diesen definitiv, spricht für meine Begriffe eben Bände. Als studiertem Psycho weißt Du ja sicherlich, dass Selbstmörder es zum großen Teil möglichst spektakulär haben wollen, und da ist ne Zeitung oder TV-Team genau in ihrem Sinn. Wer klammheilmlich sich verdrücken will, der machts im stillen Kämmerlein. Gilt übrigens auch für Verbrechen, die durch Medien noch angeheizt werden können.


    Nichtsdestotrotz, streiten lohnt darüber mit Sicherheit nicht - keiner kennt ihn und jeder macht sich aus den dürftigen Infos sein eigenes Bild.

  • Medien, Menschen, Suizid oder: Die Quote sprunghaft steigern...


    Ja...die Bild ist Schuld.
    Niemand wollte diese Bilder sehen (wird ja hier im Thread auch deutlich), trotzdem wurden sie veröffentlicht und es wird ein Aufschrei der Empörung durch das deutsche Volk gehen.
    Niemand würde sich ja, würde nicht die Bild soetwas abdrucken, für fremdes Leid, Elend und blutige oder sonstwie schockierende Bilder interessieren.


    Die Nachrichten, ganz egal welches Medium oder welche Publikation, sind doch voll von bedeutend abstoßenderen Meldungen inklusive der "erschütternden" Bilder.
    Und die Leute wollen es sehen und lesen. Der Mensch ist von Natur aus Voyeur, die Medien verdienen damit ihr Geld und das schon, seit es sie gibt.


    Klar kann man sich hinstellen, auf die Medien schimpfen und die Leute, die soetwas (warum auch immer) interessiert, als bescheuert, primitiv oder zumindest geistig arm bezeichnen.


    Klar, am Ende ist's wieder keiner gewesen, aber hingeschaut hat doch jeder.


    Die Medien berichten über die aktuellen Tagesgeschehnisse.
    Wenn ein Mann auf eine Kirche klettert und dort halbnackt auf dem Dach rumturnt, dann ist das ein "öffentliches" Ereignis, also wird darüber berichtet.
    Und dazu gehören auch Bilder. Er wurde fotografiert, wie er auf dem Dach stand und auch im Sprung. Wurde er damit jetzt also entwürdigt? Ist soetwas pietätlos?
    Ansichtssache.
    Bei den Fotos der aus dem WTC springenden Menschen hat sich auch niemand ernsthaft darüber beschwert, da waren es ja quasi "Beweisfotos" der Tragödie.
    Ach, wenn ein Selbstmörder springt ist das demnach also keine Tragödie, interessant.
    Und ja, ich halte diesen Vergleich durchaus für berechtigt.


    Wer setzt die Grenzen dessen, was gezeigt werden darf und was nicht, fest? Letztlich der Konsument, denn er entscheidet durch sein Verhalten mit, was veröffentlicht wird und was nicht.
    Und jetzt pauschal erstmal einen großen Teil der deutschen Bürger als primitiv und dergleichen hinzustellen, weil sie sich solche Bilder anschauen, ist mehr als vermessen.


    Insofern kann ich solch eine Aufregung um derartige Fotos nicht wirklich nachvollziehen. Dazu wurden schon viel zu viele abscheulichere Bilder gezeigt, und da regt sich oftmals (fast nie möchte ich behaupten) keine Sau drüber auf.



    So long...

  • Marko: nein, ich wollte nicht streiten und mit Selbstmördern kenne ich mich leider aus:rolleyes: . Wenn die ihre Abtrittsenergien in die Lösung ihrer Probleme setzen würden, dann wären u.a. BILD und ich arbeitslos.
    Chevygnon: das Problem ist z.B. die emotionale Diffusion, die einsetzt, wenn der Schrecken und das Leid nicht mehr persönlich greifbar scheinen. Die Spinner, die sich jedes WE zu Tode rasen, locken kaum noch hinter dem Ofen vor. Hunderte und Tausende Opfer von Krieg, Erdbeben, Krankheiten und Hunger sind noch weniger interessant, denn sie werden schon lange nicht mehr wahrgenommen. Die ca. 3000 Toten des WTC bewegen mehr, da sie live und in Farbe gesendet wurden, als die vielfachen anonymen Toten, die jede Sekunde sterben. Und wegen denen wird kein Krieg geführt:rolleyes: .
    Das ist nämlich die schlimme Seite des Medienhypes: die Dargestellten werden wichtiger gemacht, als sie sind und das gilt nicht nur für (schon) Tote.

  • Hallo.


    Mal abgesehen, dass ich den BILD-Artikel gar nicht erst ganz gelesen habe oder irgendwie guthieße - alleine die Tatsache, dass es hier einen Thread darüber gibt, gibt der BILD-Zeitung Recht. Und wir hier bei TT sind mit Sicherheit nicht die Einzigen, die sich echauffieren.


    Ist leider so. :flop:


    FredAnna

    "Das 'Telefon' hat zu viele, ernsthaft zu bedenkende Mängel für ein Kommunikationmittel. Das Gerät ist von Natur aus von keinem Wert für uns".
    Western Union Interne Kurzinformation, 1876.

  • Re: Medien, Menschen, Suizid oder: Die Quote sprunghaft steigern...


    Zitat

    Original geschrieben von Chevygnon
    [...] Und jetzt pauschal erstmal einen großen Teil der deutschen Bürger als primitiv und dergleichen hinzustellen, weil sie sich solche Bilder anschauen, ist mehr als vermessen.[...]


    Es geht mir auch nicht darum die Bürger als primitiv hinzustellen, sondern darum, dass solche Bilder überhaupt gezeigt werden. Das ist meiner Meinung nach ein kleiner aber feiner Unterschied.


    Dass der Mensch an sich ein Voyeur ist, stimmt leider. Wie viele Staus auf der Autobahn sind "Gafferstaus" auf der Gegenseite eines Unfalls? Das ist auch etwas, was ich nie verstehen werde, dass die Leute langsamer fahren, nur um evtl. etwas Blut zu sehen (oder noch schlimmer, die Kamera hervorholen, siehe Posting von Marko). :flop:


    Aber diese Bilder dann Online zu stellen, das ist das Problem, das ich mit meinem Posting eigentlich ansprechen wollte.


    [Edit] Der Vergleich mit den Bildern von 9/11 hinkt etwas, weil die dort gezeigten Personen ohne eigenes zutun in diese schreckliche Situation kamen und es um ein Ereigniss mit globalen Auswirkungen ging. Aber ein Bild von einem Selbstmörder nach dem Absprung zu zeigen ist einfach nur :flop:

    Ein Kompromiss ist nur dann gerecht, brauchbar und dauerhaft, wenn beide Partner damit gleich unzufrieden sind.
    Henry Kissinger

  • Das ist ja genau meine Meinung - sie wollen die Medien und diese heizen sie u.U. sogar noch an. Das ist kritisch zu betrachten, keine Frage.


    Richtig eindrucksvoll wird das, wenn Geiselnehmer noch Interviews geben oder mit ner Geisel im Arm und ner Knarre an ihrem Kopf in die Kamera grinsen. Oder eben ein Selbstmörder, der noch in die Kamera winkt, bevor er zu einem Hecht ansetzt (was überdies genau gegen seine totale Abwesenheit spricht).


    Nur, die Aufgabe der Medien ist nunmal zu berichten. Und gerade in einer Großstadt passiert eben öfter mal was, bei dem auch ein Medienmensch gleich zur Stelle ist. Das läßt sich nicht verhindern; wo etwas passiert, schauen die Menschen eben hin. Noch habe ich aber das Gefühl, dass die Medien ihrer Selbstverpflichtung nachkommen und zu markante Stellen ausblenden.


    Außerdem bin ich schon froh, dass wir aus Gladbeck gelernt haben und Reporter nicht mehr allzu nah an den Ort des Geschehens lassen - dies bremst zumindest mediengeile Motivationen bei Straftätern. Einen auf ner Kirche herumturnenden Menschen wird man vor Blicken in einer Großstadt aber nicht schützen können. Und folglich auch nicht vor seiner evtl. Veröffentlichung. Das weiß auch solch ein Kranker vorher; ein absolut neben der Mütze hängender Mensch klettert kaum stundenlang auf nem Dach herum.


    Er hat nach Hilfe geschrien, aber es konnte ihm anscheinend keiner helfen - vielleicht, weil ihm zu diesem Zeitpunkt keiner mehr helfen konnte. Das geschieht leider viel zu oft, aber es gehört heutzuage besonders im Großstadtleben schon fast dazu.


    Das Tragische ist für mich nicht der Sprung und auch nicht der Artikel mit den Bildern. Das Tragische sind die ursachen, die solche Menschen zu medienträchtigen Abgängen aber auch zum stillen Tod bewegen. Und dies sehe ich als ein Problem der Gesellschaft, über das eher nachgedacht werden sollte als über einen Bericht über einen aus dieser Vielzahl.


    In einem Land, in dem sich Kinder wegen Schule oder Eltern umbringen, ist die Art der Berichterstattung nun wirklich kein Grund für Theater um die Rolle der Medien. Hier sitzen tiefere Probleme, über die die Gesellschaft nachdenken könnte. Aber jeder ist sich selbst der nächste und ich nehme mich da nicht aus. Aber ich denke, dass man auch außerhalb einschneidender Naturkatastrophen wie Hochwasser etc. das "wir" in "unserer" Gesellschaft zumindest ein Stück weit in den Vordergrund rücken können sollten. Selbstmörder zeigen überdeutlich, dass manche Menschen sich sehr weit von ihrer Umwelt entfernen - und das hat viele Gründe.

  • Zitat

    Wer sich an derart exponierten Plätzen auf ein Gerüst stellt, so ein Spektakel veranstaltet etc. der wird eben gefilmt und fotografiert


    Klar, aber vermarkten und kohle mit machen:flop:


    Pressefreiheit ist im Gewissen Sinne Sinnvoll,aber es wird von den Medien Schamlos ausgenutzt.:flop:


    MFG CHris

    Life is too short to be small.

  • Ihr könnt euch aufregen... Da haben sie einfach nen Selbstmörder gefilmt oder fotografiert. Ist ein trauriges Schicksal, aber wenn man nun mal vor aller Öffentlichkeit seinem Leben ein Ende setzt, dann kommt das halt mit Fotos in die Boulevardzeitungen.


    Ich könnte jetzt wetten das die meisten hier mit neugier den Artikel gelesen haben, aber es niemals zugeben. Aber meckern auf die Bild kann man ja immer.... :flop:

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