Günther Oettingers Trauerrede

  • Aber der Zentralrat ist doch seiner Aufgabe, die ich ihm ja gerne zugestehe, nämlich mahnend auf rechte Auswüchse hinzuweisen, inzwischen mehr als ausreichend nachgekommen.


    Was jetzt passiert ist keine Mahnung mehr das NS-Unrecht nicht zu verharmlosen und irgendwelchen Anfängen zu wehren, sondern wir sind jetzt längst in einem Stadium - durch die ständigen Rücktrittsforderungen - wo der Zentralrat sich handfest ins politische Geschehen einmischt. Und das geht IMHO zu weit.
    In jedem anderen Bereich läßt man auch nicht zu dass sich irgendwelche Interessenverbände sich so massiv in politische Belange einmischen.


    Ansonsten denke ich oft an die Frau Filbinger und überhaupt die engen Verwandten... Wie muß das, was da jetzt stattfindet, auf die wirken? Man sollte auch nicht vergessen dass das eine Trauerrede für den Verstorbenen war und keine Ansprache zum Holocaust-Gedenktag.


    Das macht die Falschaussage, Filbinger sei Widerständler gewesen, zwar nicht richtiger. Aber es sollte doch dazu führen dass man etwas zurückhaltender damit umgeht.

    Ich dachte immer es sei technisch unmöglich mit jemandem Sex zu haben, der Dörte heißt...

  • Zitat

    Original geschrieben von superuser_reload
    Eventuell war Filbinger tatsächlich kein von Grund auf überzeugter Nationalsozialist, aber er war mindestens ein pflichtbewusster Mitläufer. Als Richter hat er wie ich das verstanden habe wohl auch kein Todesurteil gesprochen, aber er hat mindestens in einem Fall als Ankläger eine Todesstrafe eines Deserteurs bewirkt, dessen Ausführung er dann auch persönlich geleitet hat.
    In der Darstellung Oettingers war Filbinger aber angeblich ein Gegner des NS-Regimes und hat zu keinem Tod eines Menschen beigetragen, was so schlichtweg nicht stimmt und vermuten lässt, dass er den Lebenslauf Filbingers beschönigen will.


    Das muss man ein bischen detailreicher darstellen:


    Bei dem Desateur war Filbinger in einer schwierigen Situation. Der Desateur war schon seit längerer Zeit zu Knast verurteilt worden. Filbinger war dann später der Anklagevertreter. Selbst der Verteidiger des Desarteurs hat später bestätigt, dass Filbinger keinen Handlungsspielraum hatte ausser diesem einen (leider) Todesurteil.


    Ohne die Rede Oettingers zu verteidigen wollen.


    Was ich damit sagen will: Du hattest damals zwei Möglichkeiten: Dich dem System zu wiedersetzen und vorraussichtlich zu sterben, oder dich anzupassen. Millionen Menschen hatten sich damals zu zweitem entschieden, weil sie nicht anders konnten!

  • Zitat

    Original geschrieben von speakers
    Nunja BigBlue007, eine Frisur macht nunmal noch keinen Menschen oder eine Gesinnung...


    Sicherlich nicht. Aber jemandem, der eines der höchsten politischen Ämter bekleidet, sollte doch mal jemand sagen, dass er um die Haare herum, nunja, ein wenig "unglücklich" aussieht. Es ist ja nicht so, dass man da nix gegen machen könnte... ;)

    Zitat

    Original geschrieben von HappyDay989
    @ BB007: Wie das Leben und Wirken eines Menschen einzuordnen sind, bestimmt sicherlich nicht der BGH mit irgendwelchen Pauschalurteilen.


    Der BGH ist die höchste juristische Instanz, die wir haben. Er hat festgelegt, wie die Arbeit von Herren wie Filbinger juristisch zu beurteilen ist. Punkt! Alles andere ist subjektives Wischiwaschi. Ich sag ja gar nicht, dass der Mann der größte Hitlerfan aller Zeiten war. Aber wer in so eine Position gekommen ist wie er, muss schon eine gewisse Affinität zum System gehabt haben.

    Zitat

    Es ist nicht umsonst Sache der Geschichtswissenschaften, und nicht der Jurisprudenz, mittels historischer Quellen (die natürlich streng wissenschaftlich auf ihre Authentizität, Glaubwürdigkeit usw.) überprüft werden müssen, die Biographie eines Individuums zu schreiben oder zu überprüfen. Juristen sind höchstens dafür zuständig, festzustellen, in wie weit nach jeweils geltendem Recht Straftatbestände in dieser Biografie vorliegen mögen. Dort, wo Juristen sich in allgemeine moralische Bewertung ergehen, sollte m. E. höchstes Mißtrauen angebracht sein - gleichgültig, ob es sich bei diesen Juristen um Herrn Oettinger oder einen Richter am BGH handelt.


    Ich weiß nicht... Ich denke, in manchen Fällen - und gerade mit Blick aufs dritte Reich - reicht eine rein juristische Beurteilung der Protagonisten eigentlich völlig aus. Wenn man Hitler lange genug menschlich analysiert, kommt man möglicherweise irgendwann darauf, dass der Mann eigentlich ein Spitzentyp war und sich nur hier und da ein wenig im Ton und den Methoden vergriffen hat. Bewusst überspitzt ausgedrückt, aber ich denke, Du weißt, was ich meine. Fakt ist für mich: Wer in Nazideutschland das System an einer wie auch immer herausgehobenen Position vertreten hat, gehörte zu den Tätern. Dass solche Leute dann nach 45 wieder in führende Positionen aufgestiegen sind, ist für mich absolut untragbar. Und selbst wenn man das noch akzeptieren wollte: Dass sich Oettinger hinstellt und Filbinger als NaziGEGNER bezeichnet, DAS ist ja der eigentliche Skandal. Ich hätte es mir ja noch gefallen lassen, er hätte ihn als Mitläufer oder so tituliert. Das war er sicher auch ein Stückweit. Aber ihn als Gegner der Nazis zu bezeichnen, da dürften auch intensivste historische Nachforschungen keinen Beleg für erbringen. Gut, es sei denn, diese werden durch die CDU BW durchgeführt... :D


    Filbinger selbst hat ja mal gesagt: "Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein". Da hat er recht. Nur: Hitler war dann nach damaligem Recht wohl genauso im Recht. Hätte Hitler im Nachkriegsdeutschland Ministerpräsident werden können (wenn er denn noch gelebt hätte)? Ich glaube nicht... ;)


    Davon abgesehen stellt sich mir da einmal mehr die Frage, wie sehr man diesen Grundsatz "Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein" für Menschen aus der ehem. DDR angewandt hat. Ich denke da z.B. an die vielen Mauerschützenprozesse, von denen einige durchaus auch fürs Fussvolk mit Verurteilungen endeten. Und das, obwohl das Erschießen eines Grenzflüchtenden zu DDR-Zeiten, auch wenn das heute gerne anders dargestellt wird, normalerweise durchaus mit geltendem Recht vereinbar war. Diese, nennen wir es mal bewusst überspitzt "interne Siegerjustitz" nach 1990 vermisse ich rückblickend betrachtet im Nachkriegsdeutschland ein wenig...

    Ist das eine von den Kirchen, wo man so kleine Cracker kriegt? Ich habe Hunger!

  • Zitat

    Original geschrieben von AdministratorDr
    Sagen wir es mal so:
    Der Zentralrat der Juden ist erst zufrieden wenn Köpfe gerollt sind. Die Art und Weise wie sie bei jeder noch so kleinen Lapalie anderen an die Gurgel springen ist mehr als bedenklich um nicht zu sagen peinlich!


    Wenn ich mich nicht irre, hat sich Herr Oettinger bereits entschuldigt.

    Ich mag Oettinger nicht, wirklich nicht. Meinetwegen kann die Öffentlichkeit mit dem machen, was sie will. Aber wirklich pervers ist doch die Art, wie die völlig abgesoffenen Gegenparteien und vor allem ein "Zentralrat der Juden" aus den Büschen springen und in der Tat den Kopf rollen sehen wollen. Das geht mir ziemlich auf den Sack. Was erlauben die sich denn eigentlich? Selbst nix zustande bringen, aber "böser Oettinger, böser Oettinger, hängt ihn" rufen. :rolleyes:


    Man kann alles auch übertreiben. Das Sommerloch scheint dieses Jahr wirklich früh zu kommen.


    Zitat

    Original geschrieben von BigBlue007
    Sicherlich nicht. Aber jemandem, der eines der höchsten politischen Ämter bekleidet, sollte doch mal jemand sagen, dass er um die Haare herum, nunja, ein wenig "unglücklich" aussieht. Es ist ja nicht so, dass man da nix gegen machen könnte... ;)

    Ich habe mir gerade mal mittels Google ein paar Bilder angesehen. Wo genau siehst Du irgendwelche Hitler-Ähnlichkeiten? :confused:

    Sie nannten ihn Trollfütterer.

  • Zitat

    Original geschrieben von VFBler
    Was ich damit sagen will: Du hattest damals zwei Möglichkeiten: Dich dem System zu wiedersetzen und vorraussichtlich zu sterben, oder dich anzupassen. Millionen Menschen hatten sich damals zu zweitem entschieden, weil sie nicht anders konnten!


    Das hätte ja alles richtig sein können. War es aber nicht... :rolleyes:


    Jemanden, der sich aus opportunistischen Gründen - sprich: um seine Karriere retten oder überhaupt erst beginnen zu können - nicht widersetzte, sondern aktiv im NS-Staat mitmachte, kann man beim besten Willen nicht als "Gegner des Nationalsozialismus" beschreiben. Bei allem Respekt selbst vor einem Verstorbenen geht das nicht an.


    Es geht hier primär nicht um die Rolle, die "der furchtbare Jurist" Hans Filbinger* in der NS-Zeit spielte, sondern um das, was Herr Oettinger anläßlich der Trauerrede über Herrn Filbinger gesagt hat, und darum, welche Reaktionen seine Äußerungen in der "Öffentlichkeit" ausgelöst haben. Aber nun müssen wir dieser Person Filbinger ein wenig Aufmerksamkeit widmen, um zu erfahren, ob der Herr Oettinger da nicht am Ende etwas gesagt hat, das - gemessen an den Ergebnissen der historischen Forschung - schlicht und einfach unrichtig ist. Versuchen wir also mal, objektiv in die Geschichte zurückzublicken:


    Marinerichter wurde auch bei den Nazis niemand gegen seinen Willen, auch Herr Filbinger bildete da keine Ausnahme. Wer als Jurist im NS-Staat nicht mitmachen wollte, dem aber für den aktiven Widerstand der Mut fehlte (das soll jetzt kein moralisches Urteil sein), der konnte sich durchaus der Verstrickung entziehen - auch wenn der Preis, den waffenfähige Männern dafür bezahlten, i. d. R. der Einsatz bei der kämpfenden Truppe, sprich: an der Front, war. Wer dies vermeiden wollte und keine "unpolitische" kuk-Stelle** ergattern konnte, konnte sich auf einen "Deal" mit den Nazis einlassen. Doch das war eben ein sprichwörtlicher Pakt mit dem Teufel. Herr Filbinger hat einen solchen Pakt abgeschlossen und sich bis zum "Untergang" auch daran gehalten. Das sind wohl die historisch gesicherten Tatsachen; sie enthalten meinerseits keine moralische Wertung. Ich will hier gar nichts darüber spekulieren, was Herrn Filbinger wohl dazu bewogen haben mag, sich in die Reihen derer einzugliedern, die ohne Skrupel diejenigen massenhaft in den Tod schickten, deren möglichem alternativen Ende, nämlich dem Tod auf dem Schlachtfeld, sich die Herren Juristen selbst so geschickt auf ihre kuk-Stellungen entzogen hatten. Ich möchte auch an dieser Stelle nicht darüber mutmaßen, was ihn wohl bewogen haben mag, diese skrupellose Farce von "Gerichtsbarkeit" noch aufrechtzuerhalten, zu einem Zeitpunkt, als der Krieg für jeden erkennbar endgültig und restlos verloren war, selbst für die fanatischsten Nationalsozialisten, zu denen Herr Filbinger wahrscheinlich selbst nicht zählte, denen er aber bis in die Stunde des Untergangs die unverbrüchliche Treue hielt.


    Wenn nun Herr Oettinger aus einem solchen Menschen posthum einen "Gegner des Nationalsozialismus" machen will, ist das, gemessen an den historisch gesicherten Fakten, schlicht und einfach unzulässig. Da hilft auch der Kontext einer Trauerrede nichts, denn eine Geschichtsverdrehung bleibt auch dann eine Geschichtsverdrehung, wenn sie auf dem Friedhof stattfindet. Dies ist wiederum keine moralische Wertung, sondern lediglich eine Feststellung von Tatsachen.


    Es ist also - historisch gesehen - unrichtig, daß Herr Filbinger keine andere Wahl hatte, als Marinerichter (= Militärgerichtsbarkeit!) zu werden und Todesurteile einzufordern oder zu verkünden bzw. für deren Vollstreckung zu sorgen. Er hätte durchaus eine Wahl gehabt, und zwar ohne unmittelbare Gefahr für Leib und Leben. Seine 1978 im Zusammenhang mit seinem Widerstand gegen die ersten Rücktrittsforderungen bekanntgewordene Äußerung "was damals Recht war, kann doch heute nicht Unrecht sein", zeigte allerdings, daß bei ihm überhaupt keine Reflexionsprozesse eingesetzt hatten, um in den über 30 Jahren, die zwischen dem Ende des 2. Weltkriegs und seinem Fall als Ministerpräsident lagen, zu der Erkenntnis zu gelangen, daß manches positive Recht allzu leicht und schnell zum Unrecht werden kann, wenn es von den falschen Machthabern in Gesetzesform gegossen wird.***


    ---
    * Als "furchtbaren Juristen" bezeichnete der Dramatiker Rolf Hochhuth Hans Filbinger 1978 in seiner investigativen Erzählung "Eine Liebe in Deutschland". Hochhuths Enthüllungen der Vergangenheit Filbingers als NS-Marinerichter trugen maßgeblich zu dessen Rücktritt bei.


    ** kuk = kriegsunabkömmlich, d. h., an der entsprechenden Stelle in der Heimat, z. B. bei Polizei, Feuerwehr, Behörden usw. nicht entbehrlich und daher (auf Widerruf) vom Einsatz an der Front freigestellt.


    *** Zu dieser Erkenntnis kam bereits vor drei Jahren der Berliner Tagesspiegel

    Viele Grüße und einen Happy Day


    Guy Fawkes was the only person ever to enter Parliament with honest intentions.

  • Zitat

    Original geschrieben von HappyDay989
    Aber nun müssen wir dieser Person Filbinger ein wenig Aufmerksamkeit widmen, um zu erfahren, ob der Herr Oettinger da nicht am Ende etwas gesagt hat, das - gemessen an den Ergebnissen der historischen Forschung - schlicht und einfach unrichtig ist.


    Ach was... :eek: :D


    So sehr ich Deine Uhrenpostings schätze (meistens :D ): DAS hier ist ja nun wirklich lustig. Denn das, was Du da oben sagst, ist ja gerade eben das, worum es in diesem Thread von Anfang an geht. Dass Oettinger etwas über Filbinger gesagt hat, das schlicht und ergreifend nicht stimmt. Und jetzt kommst Du nach 2 Seiten (bei mir; bei Dir wahrscheinlich schon drei) und machst die These "Ob da der Oettinger nicht vielleicht was Falsches über den Filbinger gesagt hat?!" zu Deiner eigenen? Nicht schlecht, nicht schlecht... ;) Solche Leute kenne ich aus dem Büro auch - leider alles keine Sympathieträger... :rolleyes:

    Ist das eine von den Kirchen, wo man so kleine Cracker kriegt? Ich habe Hunger!

  • Zitat

    Original geschrieben von BigBlue007
    Der BGH ist die höchste juristische Instanz, die wir haben. Er hat festgelegt, wie die Arbeit von Herren wie Filbinger juristisch zu beurteilen ist. Punkt! Alles andere ist subjektives Wischiwaschi. Ich sag ja gar nicht, dass der Mann der größte Hitlerfan aller Zeiten war. Aber wer in so eine Position gekommen ist wie er, muss schon eine gewisse Affinität zum System gehabt haben.


    Zumindest muß Herr Filbinger über eine große Portion Opportunismus und eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber den Konsequenzen seines Handels für andere verfügt haben. Dies alleine ist allerdings noch nicht strafbewehrt.


    Was die Einordnung der Geschichtswissenschaften als "subjektives Wischiwaschi" angeht: Dies dient gerade Nicht-Historikern häufig als willkommene Ausrede dafür, sich hemmungslos über historische Sachverhalte hermachen zu dürfen und zu meinen, daß ihre Ansichten genau so gut seien wie die der Forscher, die sich jahre- oder jahrzehntelang anhand von primären Quellen mit vergangener Gegenwart auseinandergesetzt haben. ;)


    Geschichtswissenschaften sind, wenn man sie ernsthaft und methodisch korrekt betreibt, durchaus sehr anstrengend, als andere als subjektives Gelaber und können durchaus einen wichtigen Beitrag dazu leisten, daß von der Gegenwart der Vergangenheit eine sinn- und identitätsstiftende Wirkung auf die gegenwärtige und damit auch die zukünftige Gegenwart ausgeht. Nicht umsonst ließ George Orwell - in marxistischer Dialektik durchaus geschult, die Machthaber seines albtraumhaften Zukunftsstaates in "1984" sagen: "Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit. Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft."


    Zitat

    Original geschrieben von BigBlue007
    Ich weiß nicht... Ich denke, in manchen Fällen - und gerade mit Blick aufs dritte Reich - reicht eine rein juristische Beurteilung der Protagonisten eigentlich völlig aus. Wenn man Hitler lange genug menschlich analysiert, kommt man möglicherweise irgendwann darauf, dass der Mann eigentlich ein Spitzentyp war und sich nur hier und da ein wenig im Ton und den Methoden vergriffen hat. Bewusst überspitzt ausgedrückt, aber ich denke, Du weißt, was ich meine.


    Ich weiß zwar, was Du meinst, bin aber der Meinung, daß Du Dich da - Überspitzungen hin oder her - im Irrtum befindest. Auch seriöse Geschichtswissenschaftler sind durchaus nicht der Meinung, daß Hitler eigentlich "ein Spitzentyp" war, sondern so ziemlich das Gegenteil davon. Was vielmehr erstaunt, ist doch, daß es solch ein Versager und Penner geschafft hat, sich von Millionen Deutscher wählen zu lassen. Und auch, über 12 Jahre hinweg, Millionen von Anhängern westlich und östlich der Elbe zu finden, die seine Befehle befolgten, nicht alle immer mit jubelnder Begeisterung, aber immerhin befolgten bis zum bitteren Ende. Und um dazu die richtigen Fragen zu stellen und die richtigen Antworten darauf zu finden, reicht eben eine bloße juristische Beurteilung der handlungsmächtigen Personen der damaligen Zeit bei weitem nicht aus. Dazu müßte man u. a. Geschichtswissenschaften auch als Soziologie der Vergangenheit oder "historische Sozialwissenschaft" betreiben.


    Zitat

    Original geschrieben von BigBlue007
    Fakt ist für mich: Wer in Nazideutschland das System an einer wie auch immer herausgehobenen Position vertreten hat, gehörte zu den Tätern. Dass solche Leute dann nach 45 wieder in führende Positionen aufgestiegen sind, ist für mich absolut untragbar.


    Wo fängt denn "eine wie auch immer herausgehobene Position" an? In der Armee, bei der Marine und der Luftwaffe? Bei der SA, der SS, der Gestapo, den diversen Nachrichtendiensten? Bei der Schupo, der Kripo, dem Standesamt, im Erziehungs- und Gesundheitswesen, bei der NS-Frauenschaft, dem BdM, der HJ? Und nicht zu vergessen, natürlich auch in der NSDAP?


    Schuld ist immer ein persönliche Schuld, niemals eine kollektive! Wer immer Schuld auf sich geladen hat, sollte dafür zur Rechenschaft gezogen werden (oder worden sein, auch wenn's in vielen Fällen bei der Theorie blieb). Aber pauschale Verurteilungen "alle sind schuldig und absolut untragbar", das geht eben in einem Rechtsstaat nicht. Abgesehen davon perpetuiert man auf diese Weise nur eine willkürliche "Siegerjustiz". Die übrigens im Fall der Wiedervereinigung durchaus nicht so harsch (und vor allem nicht so pauschal) daherkam, wie Du es unten dargestellt hast. Schließlich wäre es sonst doch wohl kaum denkbar, daß wir mittlerweile gesamtdeutsch von einer Ostdeutschen regiert werden. ;)


    Zitat

    Original geschrieben von BigBlue007
    Und selbst wenn man das noch akzeptieren wollte: Dass sich Oettinger hinstellt und Filbinger als NaziGEGNER bezeichnet, DAS ist ja der eigentliche Skandal.


    Es ist zumindest historisch unrichtig. Ob es ein Skandal ist, auf diese Wertung möchte ich mich gar nicht einlassen.


    Zitat

    Original geschrieben von BigBlue007
    Ich hätte es mir ja noch gefallen lassen, er hätte ihn als Mitläufer oder so tituliert. Das war er sicher auch ein Stückweit. Aber ihn als Gegner der Nazis zu bezeichnen, da dürften auch intensivste historische Nachforschungen keinen Beleg für erbringen.


    So sieht es aus.


    Zitat

    Original geschrieben von BigBlue007
    Filbinger selbst hat ja mal gesagt: "Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein". Da hat er recht. Nur: Hitler war dann nach damaligem Recht wohl genauso im Recht. Hätte Hitler im Nachkriegsdeutschland Ministerpräsident werden können (wenn er denn noch gelebt hätte)? Ich glaube nicht... ;)


    Genau an dieser Stelle setzt ein Denkfehler ein. Nicht alles wird dadurch zu "Recht", indem man es zu Gesetzen macht. Herr Filbinger hätte für diese Erkenntnis 30 Jahre Zeit gehabt... :rolleyes:


    Zitat

    Original geschrieben von BigBlue007
    Davon abgesehen stellt sich mir da einmal mehr die Frage, wie sehr man diesen Grundsatz "Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein" für Menschen aus der ehem. DDR angewandt hat. Ich denke da z.B. an die vielen Mauerschützenprozesse, von denen einige durchaus auch fürs Fussvolk mit Verurteilungen endeten. Und das, obwohl das Erschießen eines Grenzflüchtenden zu DDR-Zeiten, auch wenn das heute gerne anders dargestellt wird, normalerweise durchaus mit geltendem Recht vereinbar war. Diese, nennen wir es mal bewusst überspitzt "interne Siegerjustitz" nach 1990 vermisse ich rückblickend betrachtet im Nachkriegsdeutschland ein wenig...


    Und ich betrachte das einfach mal als eine Off Topic-Bemerkung, die ich hier nicht weiter kommentieren möchte, weil sie mit dem vorliegenden Thema nichts zu tun hat und ich außerdem zu diesem Themenkomplex keine zuverlässigen Quellen habe, auf deren Grundlage ich mich äußern könnte. ;)

    Viele Grüße und einen Happy Day


    Guy Fawkes was the only person ever to enter Parliament with honest intentions.

  • Und bevor mich hier jemand auf die EDIT-Funktion für meinen letzten Beitrag hinweist: EDIT hätte ich gerne benutzt, aber das System meint, hier wären zuviele Grafiken (sind wohl die Emoticons gemeint) im Beitrag.


    Zitat

    Original geschrieben von BigBlue007
    Ach was... :eek: :D


    So sehr ich Deine Uhrenpostings schätze (meistens :D ): DAS hier ist ja nun wirklich lustig. Denn das, was Du da oben sagst, ist ja gerade eben das, worum es in diesem Thread von Anfang an geht. Dass Oettinger etwas über Filbinger gesagt hat, das schlicht und ergreifend nicht stimmt. Und jetzt kommst Du nach 2 Seiten (bei mir; bei Dir wahrscheinlich schon drei) und machst die These "Ob da der Oettinger nicht vielleicht was Falsches über den Filbinger gesagt hat?!" zu Deiner eigenen? Nicht schlecht, nicht schlecht... ;) Solche Leute kenne ich aus dem Büro auch - leider alles keine Sympathieträger... :rolleyes:


    Du darfst mir mal bei Gelegenheit erklären, was Dich hier dermaßen aufregt, daß Du meinst, hier persönlich werden zu müssen (von wg. "kein Sympathieträger"). :rolleyes:


    Ich habe hier zu einem Posting Stellung genommen, das ganz bestimmt nicht von Dir war, und ich habe Dich nicht persönlich angegriffen. Wo also ist jetzt Dein Problem? :confused:

    Viele Grüße und einen Happy Day


    Guy Fawkes was the only person ever to enter Parliament with honest intentions.

  • Zitat

    Original geschrieben von BigBlue007
    Ich weiß nicht... Ich denke, in manchen Fällen - und gerade mit Blick aufs dritte Reich - reicht eine rein juristische Beurteilung der Protagonisten eigentlich völlig aus.


    Das denke ich aber ganz und gar nicht. Im Gegenteil sogar! Juristisch sind die Ungeheuerlichkeiten der Nazidiktatur gar nicht zu erfassen und die langfristig spannende Frage ist auch keineswegs wer da wann gemäß irgendwelcher Gesetze gehandelt hat.


    Wirklich bedeutsam und von langfristigem Interesse ist doch der Gedanke wie es möglich war dass so ein Wahnsinn geschehen konnte und welche Abläufe dafür nötig waren.


    Juristen können nachher zwar irgendwelche Urteile fällen, das wird aber doch der moralischen Bedeutung letztlich nicht gerecht und reicht auch bei Weitem nicht aus um Lehren aus einem Geschehen zu ziehen.


    Zitat

    Original geschrieben von BigBlue007
    Wenn man Hitler lange genug menschlich analysiert, kommt man möglicherweise irgendwann darauf, dass der Mann eigentlich ein Spitzentyp war und sich nur hier und da ein wenig im Ton und den Methoden vergriffen hat.


    Wobei Hitler ja nur ein Individuum war, der grundsätzlich nicht mehr Möglichkeiten hatte als sie auch jedem anderen Menschen zur Verfügung stehen.
    Die spannende Frage ist: wie konnte es passieren dass tausende sich einer Idee anschliessen, die in den Untergang führt und dass man es nicht schaffte einen ins Rollen geratenen Zug, von dem aber irgendwann klar war wie zerstörerisch er ist, zu stoppen...


    Zitat

    Original geschrieben von BigBlue007
    Wer in Nazideutschland das System an einer wie auch immer herausgehobenen Position vertreten hat, gehörte zu den Tätern.


    Aber was ist eine "herausgehobene Position"? Sicher, auf die Oberen in der Partei und im Staat trifft das unstrittig zu. Aber was ist mit dem "ganz normalen Fußvolk"? Nehmen wir einen Jugendtrainer, der in Kleinkleckersdorf die Fußballmannschaft leitet und dort irgendwelche Ideale vertritt - in Nazi-Diktion der Blockwart von der HJ-Abteilung zur Leibesertüchtigung, oder wie auch immer es dann hieß - ist das jemand, der das System vertreten hat? Der Hausmeister, der im Gestapo-Gefängnis den Betrieb der Anlage sichert - hat der das System unterstützt? Wo ziehst Du da die Grenzen?


    Ich glaube dass deine Aussage "schlaues Gerede" ist, das man immer leicht vertreten kann wenn man selber nicht in der jeweiligen Situation (über)leben mußte. Wenn Du damals gelebt hast warst Du froh wenn Du, sofern das überhaupt möglich war, überhaupt irgendwie durchgekommen bist und bei Millionen von Toten - auch deutschen Toten - überhaupt sagen konntest dass deine engste Familie überlebt.


    Natürlich kann man immer schlau reden, aber ich behaupte mal dass wir alle genauso den Kopf eingezogen hätten wie die Menschen damals das auch gemacht haben. Es gab ein Paar Mutige, wie es sie auch heute gibt, es gab fanatische Emporkömmlinge, wie es sie auch heute gibt, aber die Masse hat die Klappe gehalten und hat versucht nicht aufzufallen - und das würden wir fast alle genauso machen.


    Wenn Du Pech hattest hast Du einen Beruf gehabt, der den Nazis nützlich war und zack, warst Du drin im System und standest, ob Du willst oder nicht, im Stützsystem des Apparates...


    Zitat

    Original geschrieben von BigBlue007
    Dass solche Leute dann nach 45 wieder in führende Positionen aufgestiegen sind, ist für mich absolut untragbar.


    Wendehälse gab es damals und gibt es immer. Und sicher, da sind auch Leute durchgeschlüpft, denen man eher gewünscht hätte dass ihre Rübe abgeschlagen wird anstatt dass sie sogar noch in eine neue Führungsposition gebracht werden.
    Nur rein praktisch betrachtet - die ganze Struktur des Landes war nun mal von Nazis geführt, man kann realistisch nicht eine Führungsstruktur komplett verändern, von heute auf morgen. Woher soll das Schattenkabinett kommen, mit dem man bis hin zum kleinsten Funktionsträger radikal ALLE Positionen neu besetzt? Das geht nicht.


    Zitat

    Original geschrieben von BigBlue007
    Dass sich Oettinger hinstellt und Filbinger als NaziGEGNER bezeichnet, DAS ist ja der eigentliche Skandal. Ich hätte es mir ja noch gefallen lassen, er hätte ihn als Mitläufer oder so tituliert.


    Da gebe ich dir Recht. Wobei er schlichtweg einen Bogen um die umstrittenen Stationen des Lebens von Filbinger hätte machen sollen. Man muß schon ganz schön blöd - oder frech - sein wenn man sich zu einem Themenkomplex äußert, der extrem umstritten ist und noch dazu wo es um die Nazi-Vergangenheit geht. Dass damit hierzulande nicht neutral umgegangen wird sondern immer noch die völlige Paranoia herrscht - zumindest in der politischen Öffentlichkeit - das weiß man einfach.


    Es wäre ja ein Leichtes gewesen nur neutral die "die schwierigen Zeiten" zu streifen und ansonsten gar nichts weiter dazu zu sagen, ansonsten mehr über die verdienste für BaWü zu reden, also Themen, die unumstritten gewesen wären.

    Ich dachte immer es sei technisch unmöglich mit jemandem Sex zu haben, der Dörte heißt...

  • Zitat

    Original geschrieben von Printus
    Wenn Du Pech hattest hast Du einen Beruf gehabt, der den Nazis nützlich war und zack, warst Du drin im System und standest, ob Du willst oder nicht, im Stützsystem des Apparates...


    In allem, was ich NICHT zitiert habe, stimme ich Dir (zumindest weitestgehend) zu.


    Allerdings, wie ich schon weiter vorne dargelegt habe: Gegen seinen Willen kam niemand im NS-Regime an irgendwelche Stellen, an denen er eine "Stütze des Regimes" gewesen wäre. Die Führungseliten der NS-Diktatur mögen alles mögliche gewesen sein: verbrecherisch, skrupellos, von blindem Fanatismus und Haß auf alles "Undeutsche" erfüllt usw. Aber sie waren bei weitem intelligent genug, um genau zu wissen, daß man selbst bei der Besetzung des "mittleren Managements" besser fährt, wenn man evtl. sachlich nicht so fähige, dafür aber überzeugte (bzw. sich zumindest nach außen überzeugt gebende) Anhänger in die Entscheider-Positionen befördert und die nicht überzeugten Leute, die vielleicht fachlich besser qualifiziert sein mögen, als Zuarbeiter und bessere Sachbearbeiter einsetzt, oder sogar mit ganz anderen Aufgaben betraut, bei der sie sich ihre Hände nicht schmutzig machen müssen.*


    Herr Oettinger hat in seiner Trauerrede für Hans Filbinger m. E. einen ähnlichen Fehler gemacht, wie ihn seinerzeit Philipp Jenninger beging, als er anläßlich der Gedenkrede an die sogen. Reichspogromnacht (09.11.1938) vom "Faszinosum Hitler" sprach und insgesamt nicht nur beim ZdJiD den Eindruck erweckte, er habe sich nicht hinreichend von nationalsozialistischen Gedankengut distanziert. (Jenninger mußte übrigens damals dem öffentlichen Druck weichen und seinen Hut nehmen.) Der Kommentar des Historikers Hans-Ulrich Wehler war damals, es sei schon mehr als peinlich, wenn ein Redner am Grab eines Opfers von der faszinierenden Persönlichkeit des Mörders spräche. Genau diesen Mangel an Fingerspitzengefühl beim Umgang mit dem Thema kann man wohl auch Herrn Oettinger unterstellen. Inzwischen hat wohl auch Herr Oettinger dies eingesehen und sich ganz offiziell nicht nur entschuldigt, sondern ist auch inhaltlich auf Distanz zu seinen Äußerungen gegangen.


    Obwohl ich mich wirklich frage, wie macht man so etwas? Ich meine, wie geht man auf Distanz zu sich selbst? :rolleyes:



    ---
    * So beschreibt z. B. Daniel Goldhagen in seinem Buch über "Hitlers willige Vollstrecker" (so tendenziös und im Ergebnis anfechtbar das Gesamtwerk auch sein mag) durchaus mit diversen Quellen belegt, daß die sogenannten "Sondergruppen", die sich zwischen 1939 und 1942 um die Massenerschießungen von Juden, Polen, Russen u. a. Osteuropäern in den von den Deutschen eroberten Gebieten kümmerten, daß diese SG es gar nicht nötig hatten, irgendjemanden zu solchen Mordkommandos zwangsweise abzukommandieren - es gab nämlich genügend Freiwillige, nicht nur Deutsche, sondern z. B. auch baltische SS-Leute, die gegen die Zuteilung von Sonderrationen von Alkohol, Tabak und hochwertigen Lebensmitteln, die für normale Wehrmachtsangehörige im Mannschafts- oder Unteroffiziersrang nicht einmal auf dem Papier gab, und natürlich das Versprechen, niemals einen Schuß zu hören, der ihnen selbst gelten könnte, so ziemlich jede Greueltat zu begehen, die man sich nur vorstellen kann. Und wenn jemand wirklich psychisch zusammenklappte und nicht mehr konnte, dann wurde er - nach deutlichem Hinweis auf militärische Geheimhaltung - einfach wieder in seine ursprüngliche Einheit zurückversetzt. Mit Repressalien gegen ihn oder seine Familie wurde wohl niemand bedroht, der nicht oder nicht mehr mitmachen konnte oder wollte.


    Genau das ist ja das Schlimme am Nationalsozialismus: Er hat nicht etwa einen Haufen Sadisten und geistesgestörte Psychopathen auf die ansonsten friedliche Menschheit losgelassen, die dann mit Mitteln des Terrors, der Folter und des Massenmordes lauter Unbeteiligte zum Mitmachen zwangen. Wären alle diejenigen, die bei den Verbrechen der Nazis mitmachten, bloß psychisch gestörte Individuen gewesen, hätte man wenigstens den gesamten Nationalsozialismus als eine gehäufte Erscheinung von Geisteskrankheit oder Unzurechnungsfähigkeit erklären können.


    Doch so einfach ist das nicht. Der Nationalsozialismus hat aus vielen ganz normalen, braven Familienvätern und bis dahin unbescholtenen Mitbürgern fanatische Killer gemacht, die nicht aus Freude, sondern vielmehr aus falsch verstandenem Pflichtbewußtsein mordeten bzw. morden ließen. Diese Leute verwandelten ganz Europa in ein Schlachthaus und waren dabei in ihrem Privatleben krampfhaft um die Aufrechterhaltung einer (spieß)bürgerlichen Fassade bemüht. Sie spielten Beethoven und vergasten "nebenbei" Juden. Sie gingen mit ihrer Familie des Sonntags erst in die Kirche und danach spazieren, und von montags bis samstags taten sie pflichtgetreu im KZ ihren Dienst, um "an der Rampe" diejenigen zu "selektieren", die noch ein klein wenig unter unmenschlichsten Bedingungen für die deutsche Industrie weiterarbeiten "durften", bis sie dann, wenn sie völlig entkräftet und körperlich ausgezehrt waren, ebenfalls ins Gas geschickt wurden.


    Und dann die zahllosen "Mitläufer", die zwar nicht persönlich mordeten, aber eigentlich wußten bzw. eigentlich wissen mußten, was vor sich ging. Die aber ihre Augen verschlossen, sich einredeten, sie seien ja eh bloß kleine Rädchen im Getriebe und dann weitermachten - vielleicht auch mangels Alternative. Der Zugführer, der unermüdlich die aus ganz Europa deportierten Juden in die Konzentrationsläger fuhr. Der Beamte, der pflichtbewußt die "Frachtpapiere" dazu ausfertigte und abstempelte. Der Militärpolizist, der eifrig nach Fahnenflüchtigen suchte, damit ihm nur ja keiner durch die Finger schlüpfte. Der Staatsanwalt am Kriegsgericht und am Volksgerichtshof, der Todesurteile für Deserteure und "Wehrkraftzersetzer" forderte und der Richter, der solche Urteile dann ordnungsgemäß verkündete. Der Lehrer, der die ihm anvertrauten Kinder "im Geist des Nationalsozialismus" unterrichtete, ebenso wie der HJ-Führer oder die BdM-Führerin ebenso wie der Haus- oder Blockwart, der seine Hausgenossen an die Gestapo verriet, wenn diese sich zu einer unbedachten Äußerung gegen Führer oder Partei hatten hinreißen oder Zweifel am "Endsieg" hatten verlauten lassen. Sie alle waren Teil dieser "Ungeheuerlichkeit Nationalsozialismus".


    Die oberste NS-Führungsriege hatte es meisterlich verstanden, praktisch ein ganzes Volk (bzw. auch etliche Kollaborateure in besetzten Ländern) zu Helfershelfern ihrer Verbrechen zu machen, indem man ihnen suggerierte, sie lebten in einer extremen Zeit, umgeben von üblen Feinden, und da seien extreme Maßnahmen nun einmal gerechtfertigt. Hans Mommsen hat dies einmal sehr ausführlich in seinem Aufsatz "Der Ausnahmezustand als Herrschaftstechnik des Nationalsozialismus" dargelegt (z. B. in M. Funke, Hrsg., Hitler, Deutschland und die Mächte, Düsseldorf, 1978, S. 73-96), wie z. B. im Ringen um eine "Lösung der Judenfrage" sich am Ende unter diesem Eindruck von "Ausnahmezustand" immer die radikalsten Lösungen durchsetzten. Genau das ist das bis heute nicht wirklich bewältigte Thematik der NS-Vergangenheit, einer Vergangenheit, die deshalb nicht vergehen will und wird, weil das ganze Ausmaß an Verantwortung (es geht hier nicht bloß um juristisch zumeßbare Schuld!) eines jeden Einzelnen, der damals zwischen 12 und scheintot war, bis heute nicht wirklich geklärt ist.

    Viele Grüße und einen Happy Day


    Guy Fawkes was the only person ever to enter Parliament with honest intentions.

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