Europäische Schuldenunion - ist der Politik überhaupt noch zu trauen?

  • Die Timeline scheint jetzt zumindest zu stehen:


    "EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker kündigt an: „Wir haben ein detailliertes 'Grexit'-Szenario.“ Griechenland müsse bis Freitagmorgen 8.30 Uhr liefern, davon hänge das weitere Engagement der EZB ab." (Welt, Bloomberg)


    Für Juncker sind das extrem deutliche Worte. Das scheint jetzt also diesmal tatsächlich die letzte Chance für Griechenland zu sein.

    iPhone 15 Pro im o2 Netz

  • Zitat

    Original geschrieben von john-vogel
    Die Timeline scheint jetzt zumindest zu stehen:


    "EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker kündigt an: „Wir haben ein detailliertes 'Grexit'-Szenario.“ Griechenland müsse bis Freitagmorgen 8.30 Uhr liefern, davon hänge das weitere Engagement der EZB ab." (Welt, Bloomberg)


    Für Juncker sind das extrem deutliche Worte. Das scheint jetzt also diesmal tatsächlich die letzte Chance für Griechenland zu sein.


    Ich habe die Pressekonferenz verfolgt - das waren nicht die einzigen deutlichen Worte von Juncker, und die Atmosphäre der Pressekonferenz war schon beinahe dramatisch. Das sieht alles gar nicht gut aus. Wenn bis Sonntag keine Einigung da ist, dann war es das.

  • Zufällig gelesen:
    Lohn von Supermarktangestellten in Estland (als, in Bezug auf die EUR-Kriterien quasi fiskalisches Eurozonen-Musterland): durchschnittlich ca. 500-600 EUR/Monat. Liegt damit immer noch klar unter dem griechischen Mindestlohn von 683 EUR/Monat (Tsipras hat Anfang des Jahres eine Erhöhung auf 750 EUR/Monat versprochen).


    Also ich hätte da wohl auch ernsthafte "Vermittlungsprobleme", bei der Erklärung, warum mein Staat bzw. meine Notenbank da für Griechenland-Kredite mit mehr als fragwürdiger Rückzahlungswahrscheinlichkeit Risiko auf die Bücher nehmen soll.


    Zitat

    Original geschrieben von Robert Beloe
    Das sieht alles gar nicht gut aus. Wenn bis Sonntag keine Einigung da ist, dann war es das.


    Ich finde, es sieht doch gut aus.
    Der überfällige Grexit kommt.
    Juncker und co. haben angeblich einen Plan für?
    Das Vertrauen in die Währungsunion kann davon längerfristig profitieren.


    Und ich bleib dabei: Ich glaube, dass sich die Auswirkungen auf Börsen und Stabilität der restlichen Eurozone nach diesem wochenlangen Dramaschauspiel mittlerweile sehr in Grenzen halten würden (wie bisher auch).

  • Zitat

    Original geschrieben von john-vogel
    ...
    "EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker kündigt an: „Wir haben ein detailliertes 'Grexit'-Szenario.“ Griechenland müsse bis Freitagmorgen 8.30 Uhr liefern, davon hänge das weitere Engagement der EZB ab." ...


    Hochachtung vor Juncker!


    Er spricht das aus, was seit dem Nein zum Referendum unausweichlich war. Merkel und Co haben einen Neubeginn in Griechenland durch ihr Geschwätz von offenen Türen lange genug verhindert.


    Tsipras hat also sein Ziel erreicht. So dämlich zu glauben, dass durch sein beworbenes Nein zu den Sparmaßnahmen des EFSF ein anderes Szenario eintreten wird, kann selbst ein Pseudo-Linker nicht sein ... zumal die Sparauflagen eines ESM noch drastischer hätten ausfallen müssen, als es beim abgelehnten EFSF schon der Fall war.


    Ich frage mich nur, was er damit bezweckt hat, seinen Wählern wider jede Erwartung vorzugaukeln, die Verhandlungsposition Griechenlands werde durch ein Nein zum Referendum gestärkt ... :confused:



    Ergänzung:
    Auch dem Ansehen der linken Politik haben Tsipras und Co schweren Schaden zugefügt. Auf der einen Seite ist es unbestritten, dass das Bildungsniveau im linken Lager überdurchschnittlich ist, auf der anderen Seite präsentiert uns ein Tsipras einen Trupp politischer Vollidioten als linke Regierung. :mad:


    IWF-Chefin Lagarde erwähnte einmal am Rande ihre Hoffnung, demnächst wieder mit Erwachsenen verhandeln zu dürfen. :D

  • Also ich glaube das Tsipras länger dort sein Unwesen treiben wird als Junker (Gianluca Buonanno bezeichnete seine Methoden heute als Nazimethoden) und diese Giraffe Lagarde.


    Er sagte (falls richtig übersetzt wurde) das er ein deutsches Europa nicht will. Womit er recht hat weil das keiner will.
    Wie gesagt, deutschlands Politik ist in Europa so beliebt wie vor 75 Jahren. Entsprechend wird man hoffentlich auch agieren und Deutschland entmachten. Was für das Merkeltier und Kofferwolfi gut ist, ist schlecht für Europa. Und wenn ausgerechnet diese zwei Lügner (Wahlkampf) davon lamentieren ihr Volk nicht anlügen zu wollen dann lachen selbst Hühner auf nem Grill noch kurz ab.

    .:Gate 13:.
    Vor die Wahl gestellt zwischen Unordnung und Unrecht, entscheidet sich der Deutsche für das Unrecht.
    Johann Wolfgang von Goethe

  • CK-187: Man wird sehen, ob Tsipras wirklich auf die Zahl an Amtsjahrzehnten kommt, die Juncker schon in Führungspositionen in Europa arbeitet.


    Ein deutsches Europa wollen viele nicht (eigentlich niemand), und das wird es auch nicht geben, und das gibt es auch jetzt schon nicht. Was wir haben, ist eine Mischkultur zwischen den Traditionen und Verfahren der verschiedenen europäischen Staaten, wobei im Hinblick auf Recht und Verwaltungsstruktur die EU sehr stark von französischen Verwaltungstraditionen geprägt ist. Zudem ist der Begriff 'deutsches Europa' im Hinblick auf die gegenwärtige Entwicklung insofern unfair, als zu den größten Kritikern Griechenlands nicht nur Deutschland, sondern Finnland, die Niederlande, die Slowakei und die baltischen Staaten gehören.


    Was man aber auch sagen muss: Mit der Währungsunion haben die Euro-Staaten einen zentralen Teil ihrer Souveränität abgegeben, und man erlebt am Beispiel Griechenland, wie weit dieser damit verbundene Souveränitätsverlust gehen kann. Wenn Syriza wirklich meint, die griechische Regierung müsse zu 100 Prozent Souverän sein in ihrem Land, dann wird es schwierig. Das ist kein einziges Mitglied der Europäischen Union mehr, und schon gar nicht sind es die Mitglieder der Eurozone. Dieser Souveränitätsverlust wurde keinem Land übrigens aufgezwungen, dazu haben sich die Mitgliedsstaaten selbst entschieden.


    Applied: Deinen Enthusiasmus im Hinblick auf einen Grexit teile ich nicht. Ich bin bei der Diskussion in der Tendenz eher bei den Franzosen, die auch nicht windelweich gegenüber Griechenland sind, aber doch entschlossener sind als Deutschland und Finnland, Griechenland im Euro zu halten und bei der Schuldenfrage entgegenzukommen. Aber das machen insbesondere die Balten, aber auch die Österreicher wohl nicht mit.

  • Zitat

    Original geschrieben von CK-187
    ...Er sagte (falls richtig übersetzt wurde) das er ein deutsches Europa nicht will. Womit er recht hat weil das keiner will.
    Wie gesagt, deutschlands Politik ist in Europa so beliebt wie vor 75 Jahren. Entsprechend wird man hoffentlich auch agieren und Deutschland entmachten. ...


    Der Einfluss der deutschen Politik in den europäischen Institutionen ist viel geringer, als der deutsche Bevölkerungsanteil und auch der deutsche Finanzierungsanteil an den Ausgaben.

  • Wenn sich Deutschland und Frankreich in einer Sache einig sind, kommt man allerdings auch nicht an ihnen vorbei. Wobei das auch damit zu tun hat, dass beide Staaten im Vorfeld ihre Position auch mit anderen Staaten abgleichen (Deutschland beispielsweise mit den Niederlanden und Finnland).

  • Zitat

    Original geschrieben von Applied
    ...Lohn von Supermarktangestellten in Estland... : durchschnittlich ca. 500-600 EUR/Monat. Liegt damit immer noch klar unter dem griechischen Mindestlohn von 683 EUR/Monat...

    Das man so etwas nicht miteinander vergleichen kann, sollte bereits beim Kaufkraft-Gefälle innerhalb eines Landes deutlich werden. Selbst in DE gibt es Gegenden, in denen man vom Mindestlohn (8,50) durchaus leben kann - wogegen mindestens die Einwohner Münchens dies zu Recht bestreiten würden.


    Was hier immer mit 'deutschem Europa' umschrieben wird, ist eigentlich die Inkarnation der Neokonservativen Wirtschaftsschule, die vor allem in DE rigoros umgesetzt wurde (Austerität um jeden Preis). Mit Varufakis und auch dem neuen Finanzminister sind erstmals wieder Lehrmeister der Keynesianer in Erscheinung getreten.
    Das Problem ist imho, dass sie auch lehrmeisterlich rüberkamen und gleichzeitig den Neokons den Spiegel vorhalten und damit zeigten, dass deren System am bröseln ist:


    Wie man es dreht und wendet, GR wird auch mit neuen Sparmaßnahmen nicht wieder auf die Beine kommen. Am Spardogma kann man aber nicht rütteln, weil das dann auch in anderen Ländern die vorhandene 'Aufmüpfigkeit' befeuert.


    Imho ist der Grexit für GR sicher die beste, weil schuldbefreiende Lösung - für uns dagegen die teuerste... erinnert schon ein wenig an die isländische Lösung der Bankenkriese in 2008.

  • Zitat

    Original geschrieben von Robert Beloe
    ... Ich bin bei der Diskussion in der Tendenz eher bei den Franzosen, die auch nicht windelweich gegenüber Griechenland sind, aber doch entschlossener sind als Deutschland und Finnland, Griechenland im Euro zu halten und bei der Schuldenfrage entgegenzukommen. Aber das machen insbesondere die Balten, aber auch die Österreicher wohl nicht mit.


    Und vor allem auch die Griechen selbst nicht!


    Sie machen einfach nicht mit (denn "sich entgegenkommen" bedeutet, dass beide Parteien sich bewegen) und Deutschland ist schuld. :(


    Jeder wartet (bis Sonntag) darauf, dass die griechische Regierung auch nur einen einzigen Schritt macht. Aber was passiert? Seit Wochen steht sie in der Ecke und stampft wie ein Kleinkind trotzig auf den Boden. Und währenddessen leidet die griechische Bevölkerung inzwischen weitaus stärker, als bei jedem Sparpaket.


    Was ist das für eine Regierung?


    Ich habe das Gefühl, sie will absichtlich mit dem regierten Land untergehen, um dann öffentlichkeitswirksam anderen die Schuld für das eigene Totalversagen zu geben. :rolleyes:



    Und noch etwas hat Syriza geschafft: Sie hat der Welt (wieder einmal) eindrucksvoll vorgeführt, dass linke Politik vom Grundsatz her zwar begrüßenswert für ein Volk sein kann, in der Praxis aber stets scheitern muss. Aus meiner Sicht ein Bärendienst für die politische Landschaft.


    Ich gehe davon aus, dass auch die deutschen Linken das bei den nächsten Wahlen zu spüren bekommen, weil sie sich von diesen Flachzangen nicht ausdrücklich distanziert haben.

Jetzt mitmachen!

Sie haben noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registrieren Sie sich kostenlos und nehmen Sie an unserer Community teil!