Also, ich möchte mich an der Lobhudelei für das Deutschland-Banner nicht beteiligen. Im Gegenteil war ich davon ähnlich unangenehm überrascht wie von diesem "Du bist Deutschland"-Werbespot, den ich heute abend zum ersten Mal gesehen habe.
Solche Nationalismen fand ich schon immer ekelig - und vor allen Dingen deswegen politisch bedenklich, weil hier wieder Kollektive geschmiedet werden sollen, die so in Wirklichkeit nicht existieren - um es konkret zu sagen: Ein arbeitsloser Deutscher hat mit einem arbeitslosen wesentlich Franzosen mehr gemein als mit den ganzen Besservierdienenden im Bertelsmann-Konzern, die diese Kampagne federführend unterstützen. Und solche "Nicht-meckern-sondern-arbeiten"-Propaganda habe ich bisher in meinen vielen USA-Aufenthalten als freakig und die unangenehme Seite der Vereinigten Staaten angesehen.
Ich finde: Wir brauchen mehr Solidarität besonders mit denen, die bei allen Kollektivierungsversuchen außen vor bleiben, zum beispiel den in Deutschland illegalisiert lebenden Flüchtlingen, die häufig noch nicht mal eine medizinische Grundversorgung bekommen, den vielen Toten an der deutschen Ostgrenze*(siehe unten), die die Flucht nach Deutschland nicht überlebt haben, oder denjenigen, denen deutsche Tornados im Kosovo-Krieg Bomben auf den Kopf geworfen haben. Deswegen finde ich viele Parodien bei flickr.com zur Kampagne ganz treffend, z.B.:
http://www.flickr.com/photo_zo…=pool-34368154@N00&size=o
http://www.flickr.com/photos/m…n/pool-dubistdeutschland/
http://www.flickr.com/photos/1…n/pool-dubistdeutschland/
Angenehm, dass es in der Volksbühne Berlin heute abend zumindest eine Gegenveranstaltung gab:
ZitatI Can't Relax In Deutschland / Record Release Party
Die deutsche Kulturnation startet durch – aufgeschlossen, entkrampft, relaxt. Mit oder ohne Radioquote boomt deutsche Musik, der deutsche Film illustriert konsequent die Geschichte des eigenen Leids, Deutschsein punktet als hipster aller Lifestyles in den Trendfarben schwarz-rot-gold. Als Gegenposition zur diesem Prozess kultureller Selbstfindung hat sich die Initiative „I Can't Relax In Deutschland" gegründet, deren gleichnamiger CD-Sampler in der Volksbühne präsentiert wird. Die Release-Party steigt symbolkräftig am Vorabend zum Tag der deutschen Einheit. Auf dem Programm stehen Konzerte von Kevin Blechdom und Spillsbury sowie ein Akustik-Set von Kante. Vorher diskutieren Tobias Rapp (taz, Berlin), Kerstin Stakemeier (Kunsthistorikerin, Hamburg), Roger Behrens (Redaktion Testcard, Hamburg) und Ulf Poschardt (Welt am Sonntag, angefragt) über die historische und gegenwärtige Rolle von Kultur als Bindemittel der deutschen Nation. Die Diskussionsleitung haben Stefan Wirner (Jungle World) und Christoph Gurk. Nach dem Konzert geht’s mit DJ-Sets von Chicks On Speed, Turner und rentek im Sternfoyer weiter.
Ich persönlich hoffe, dass das schwarz-rot-goldene TT-Banner nach dem Tag der deutschen Einheit wieder in der virtuellen Mottenkiste verschwindet. Es gibt so viele gute Sachen, mit denen man solidarisch sein kann. Solidarität mit denen, die sich selbst als deutsche Mehrheitsgesellschaft verstehen, halte ich da für die am wenigsten sinnvolle Aktion, die ich auf Teltarif bisher erlebt habe.
Soviel dazu aus meiner Sicht als solidarische Kritik. ![]()
Viele Grüße,
PvD
* Ja, es stimmt: In den paar Jahren seit 1990 sind an der deutschen Ostgrenze schon wesentlich mehr Flüchtlinge umgekommen als an der Innerdeutschen Grenze in den ganzen Jahrzehnten davor. Über die Mauertoten ist (berechtigterweise) dieser Tage einiges zu hören. Über die inzwischen zahlreicheren Opfer der "Festung Europa" leider nicht.